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Stollbcrg ein Unfreier?" Er analysirte darin dessen ganzes Leben, undzeigte: wie die aristokratische Natur in dem verbrüderten Grafen immerlauernd verborgen lag; wie sie nach den Ereignissen der französischen Revo-lution immer sichtbarer hervortrat; wie Stollbcrg sich der sogenannten Ndcls-ketie, die den französischen Freiheitsprinzipicn entgegenwirken wollte, heimlichanschloß; wie diese Adligen sich mit den Jesuiten verbanden: wie man durchdie Wiederherstellung des Katholizismus auch die Adelsintcressen zu fördernglaubte; wie überhaupt die Restauration des christkatholischcn feudalistischenMittelalters und der Untergang der protestantischen Denkfreiheit und despolitischen Bürgerthnms betrieben wurden. Die deutsche Demokratie und diedeutsche Aristokratie, die sich vor den Revolutionszeiten, als jene noch nichtshoffte und diese noch nichts befürchtete, so unbefangen jugendlich verbrü-dert hatten, diese standen sich seht als Greise gegenüber und kämpften denTodeskampf.
Der Theil des deutschen Publikums, der die Bedeutung und die entsetzlicheNothwcndigkeit dieses Kampfes nicht begriffen, tadelte den armen Voß überdie unbarmherzige Enthüllung von häuslichen Verhältnissen, von kleinenLcbcnScreignissen, die aber in ihrer Zusammenstellung ein beweisendes Ganzebildeten. Da gab es nun auch sogenannte vornehme Seelen, die, mit allerErhabenheit, über engherzige Kleinigkeitskrämerei schrieen und den armenVoß der Klatschsucht bezllchtigtcn. Andere, Spießbürger, die besorgt warenman möchte von ihrer eignen Misbrc auch einmal die Gardine fortziehen, dieseeiferten über die Verletzung des literarischen Herkommens, wonach alle Per-sönlichkeiten, alle Enthüllungen des Privatlebens, streng verboten seien. Alsnun Fritz Stollberg in derselben Zeit starb, und man diesen Sterbcfall demKummer zuschrieb, und gar nach seinem Tode das „Liebesbllchlcin" heraus-kam, worin er, mit frömmelnd christlichem, verzeihendem, acht jesuitischemTone, über den armen, verblendeten Freund sich aussprach: da flössen dieThränen des deutschen Mitleids, da weinte der deutsche Michel seine dickstenTropfen, und es sammelte sich viel weichherzige Wnth gegen den armen Voß,und die meisten Scheltworte erhielt er von eben denselben Menschen, für derengeistiges und weltliches Heil er gestritten.
Ucberhaupt kann man in Deutschland auf das Mitleid und die Thräncn-drllsen der großen Menge rechnen, wenn man in einer Polemik tüchtig miß-handelt wird. Die Deutschen gleichen dann jenen alten Weibern, die nie ver-säumen einer Erecution zuzusehen, die sich da als die neugierigsten Zuschauervorandrängcn, beim Anblick des armen Sünders und seiner Leiden aufs bitteifkejammern und ihn sogar vertheidigen. Diese Klageweiber, die bei literarischenErecutionen so jammervoll sich gebchrden, würden aber sehr verdrießlich sein,Wenn der arme Sünder, dessen Auspeitschung sie eben erwarteten, plötzlich de-