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5 (1855) Vermische Schriften : erste Abtheilung
Entstehung
Seite
149
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Verhältniß zu Zeit und Zeitgenossen noch immer nicht bestimmt ausgespro-chen werden bann. ES ist Jobann Gottfried Herder, geboren 1744 zu Me-ningen in Ostpreußen und gestorben zu Weimar in Sachsen im Jahr IM!.

Die Literaturgeschichte ist die große Morgue wo jeder seine Tobten aufsucht,die er liebt oder womit er verwandt ist. Wenn ich da unter so vielen unbe-deutenden Leichen den Lessing oder den Herder sehe mit ihren erhabenen Mcn-schcngesichtern, dann pocht mir das Herz. Wie dürfte ich vorübergehen, ohneEuch flüchtig die blassen LippeU zu küssen!

Wenn aber Lessing die Nachahmern des französischen Aftcrgriechcnthnmsgar machtig zerstörte, so hat er doch selbst, eben durch seine Hinweisung aufdie wirklichen Kunstwerke des griechischen Alterthnms gewissermaßen einerneuen Art thörichter Nachahmungen Vorschub geleistet. Durch seine Be-kämpfung des religiösen Aberglaubens beförderte er sogar die nüchterne Auf-klärungssucht, die sich zu Berlin breit machte, und im seligen Nikolai ihrHauptorgan, und in der allgemeinen deutschen Bibliothek ibr Arsenal besaß.Die kläglichste Mittelmäßigkeit begann damals, widerwärtiger als je, ihrWesen zu treiben, und das Läppische und Leere bliest sich auf, wie der Froschin der Fabel.

Man irrt sehr wenn man etwa glaubt, daß Goethe, der damals schon auf-getaucht, bereits allgemein anerkannt gewesen sei. Sei» Göll von Berli-chingen und sein Werthcr waren mit Begeisterung aufgenommen worden, aberdie Werke der gewöhnlichsten Stümper waren es nicht minder, und man gabGoethe» nur eine kleine Nische in dem Tempel der Literatur. Nur den Götzund den Werther hatte das Publikum, wir gesagt, mit Begeisterung aufge-nommen, aber mehr wegen des Stoffes als wegen ihrer artistischen Vorzüge,die fast niemand in diesen Meisterwerken zu schätzen verstand. Der Götz warein dramatisirter Ritterroman und diese Gattung liebte man damals. Indem Werthcr sah man nur die Bearbeitung einer wabren Geschichte, die desjungen Jerusalem, eines Jünglings, der sich ans Liebe todtgcschosscn, und da-durch in jener windstillen Zeit eine» sehr starken Lärm gemacht; man las mitThräncn seine rührende Briefe; man bemerkte scharfsinnig, daß die Art, wieWertber aus einer adeligen Gesellschaft entfernt geworden, seinen Lebens-überdruß gesteigert habe; die Frage über den Selbstmord gab dem Buche nochmehr Besprechung; einige Narren verfielen auf die Idee sich bei dieser Gcle-genbcit ebenfalls todt zu schießen; das Buch machte, durch seinen Stoff, einenbedeutenden Knalleffekt. Die Romane von August Lafontaine wurden jedocheben so gern gelesen, und da dieser unaufhörlich schrieb, so war er berühmterals Wolfgang Goethe. Wieland war der damalige große Dichter mit demes etwa nur der Herr Odendichter Rammler zu Berlin in der Poesie auf-nehmen konnte. Abgöttisch wurde Wicland verehrt, mehr als jemals Goctbe.

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