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5 (1855) Vermische Schriften : erste Abtheilung
Entstehung
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schmacktheit jener Nachahmungen des französischen Theaters, das selbst wiederdem griechischen nachgeahmt schien. Aber nickt bloß durch seine Kritik, son-dern auch durch seine eignen Kunstwerke, ward er der Stifter der ncuern deut-schen Originalliteratur. Alle Richtungen des Geistes, alle Seiten des Le-bens, verfolgte dieser Mann mit Enthusiasmus und Uncigcnnützigkcit. Kunst,Theologie, Alterthumswisseuschaft, Dichtkunst, Theaterkritik, Geschichte, allestrieb er mit demselben Eifer und zu demselben Zwecke. In allen seinen Wer-ken lebt dieselbe große sociale Idee, dieselbe fortschreitende Humanität, dieselbeVcrnunftreligion, deren Johannes er war, und deren Messias wir noch erwar-ten. Diese Religion predigte er immer, aber leider oft ganz allein und in derWüste. Und dann fehlte ihm auch die Kunst, den Stein in Brod zu verwan-deln; er verbrachte den größten Theil seines Lebens in Armuth und Drang-sal; das ist ein Fluch, der fast auf allen großen Geistern der Deutschen lastet. Mehr als man ahnte war Lessing auch politisch bewegt, eine Eigenschaft diewir bei seinen Zeitgenossen gar nicht finden; wir merken jetzt erst, was er mitder Schilderung des Duodezdespotismus in Emilia Galotti gemeint hat.Man hielt ihn damals nur für einen Champion der Geistesfreihcit und Be-kämpfe! der klerikalen Intoleranz; denn seine theologischen Schriften verstandman schon besser. Die Fragmenteüber Erziehung des Menschengeschlechts"welche Eugbne Rodrigue ins Französische übersetzt hat, können vielleicht denFranzosen von der umfassenden Weite des Lesfingschcn Geistes einen Begriffgeben. Die beiden kritischen Schriften welche den meisten Einfluß auf dieKunst ausgeübt, sind seinehamburgische Dramaturgie" und seinLaokoon,oder über die Grenzen der Malerei und Poesie." Seine ausgezeichnete»Theaterstücke sind: Emilia Galotti, Minna von Barnhelm und Nathan derWeise.

Gotthold Ephraim Lessing ward geboren zu Camenz in der Lausitz den22stcn Januar 1729, und starb zu Braunschweig den löten Febr. 1781. Erwar ein ganzer Mann, der, wenn er mit seiner Polemik das Alte zerstörendbekämpfte, auch zu gleicher Zeit selber etwas NeurS und Besseres schuf; er> glich, sagt ein deutscher Autor, jenen frommen Juden, die beim zweiten Tem-xelbau von den Angriffen der Feinde oft gestört wurden, und dann mit deri einen Hand gegen diese kämpften, und mit der anderen Hand am Gotteshauseweiter bauten. Es ist hier nicht die Stelle, wo ich mehr von Lessing sagendürfte; aber ich kann nicht umhin zu bemerken, daß er in der ganzen Literatur-geschichte derjenige Schriftsteller ist, den ich am meisten liebe. Noch eines an-deren Schriftstellers, der in demselben Geiste und zu demselben Zwecke wirkteund Lesfings nächster Nachfolger genannt werden kann, will ich hier erwäh-nen; seine Würdigung gehört freilich ebenfalls nicht hiehcr; wie er denn über-Haupt iu der Literaturgeschichte einen ganz einsamcn Platz einnimmt und sei»