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5 (1855) Vermische Schriften : erste Abtheilung
Entstehung
Seite
147
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und nicht der Sonne, und dic Bäume und Blnmcn steckten in engen Töpfen,und ein Glashimmcl schichte sie vor Kälte und Nordwind.

In der Weltgeschichte ist nicht jedes Ereigniß dic unmittelbare Folge einesanderen, alle Ereignisse bedingen sich vielmehr wechselseitig. Keineswegs bloßdurch dic griechischen Gelehrten, die nach der Eroberung von Byzanz zu unsherüber cmigrirt, ist dic Liebe für das Griechenthnm und dic Sucht es nach-zuahmen bei uns allgemein geworden: sondern auch in der Kunst wie im Le-ben regte sich ein gleichzeitiger Protestantismus; Leo X., der prächtige Medi-zäcr, war ein eben so eifriger Protestant wie Luther; und wie man zu Witten-berg in lateinischer Prosa protcstirtc, so protcstirtc man zu Rom in Stein,Farbe und Ottavcrimc. Oder bilden die marmornen Kraftgcstalten des Mi-chel Angclo, die lachenden Nymphcngesichter des Giulio Romano, und dielcbcnStrunkcne Heiterkeit in den Versen des Meisters Ludovico nicht einen pro-testircnden Gegensatz zu dem altdllstcrn, abgehärmten Katholizismus? DicMaler Italiens polemisirten gegen das Pfasscnthum vielleicht weit wirksamerals die sächsischen Theologen. Das blühende Fleisch auf den Gemälden desTizian, das ist alles Protestantismus. Dic Lenden seiner Venus sind vielgründlichere Thesen, als die welche der deutsche Mönch an die Kirchcnthürcvon Wittenberg angeklebt. Es war damals als hätten die Menschen sichplötzlich erlöst gefühlt von tausendjährigem Zwang; besonders dic Künstlerathmctcn wieder frei, als ihnen der Alp des ChristcnthumS von der Brust ge-wälzt schien; enthusiastisch stürzten sie sich in das Meer griechischer Heiterkeit,aus dessen Schaum ihnen wieder die Schönhcitsgöttinnen entgegentanchtcn;dic Maler malten wieder die ambrosische Freude des Olymps; dic Bildhauermeißelten wieder mit alter Lust dic alten Heroen auS dem Marmorblock her-vor; die Poeten besangen wieder das HauS des NtrcuS und dcS LajoS; esentstand dic Periode der ncuklassischcn Poesie.

Wie sich in Frankreich unter Ludwig XIV das moderne Leben am vollen-detsten ausgebildet; so gewann hier jene neu-klassische Poesie ebenfalls eineausgebildete Vollendung, ja gewissermaßen eine selbstständige Originalität.Durch den politischen Einfluß des großen Königs verbreitete sich diese neu-klassische Poesie im llbngcn Europa; in Italien, wo sie schon einheimisch ge-worden war, erhielt sie ein französisches Colorit; mit den AnjouS kamen auchdic Helden der französischen Tragödie nach Spanien; sie gingen nach Englandmit Madame Henriette; und wir Deutschen, wie sich von selbst versteht,wir bauen dem gepuderte» Olymp von Versaillc unsere tölpischcn Tempel.Der berühmteste Obcrpriestcr derselben war Godsched, jene große Alongcpe-rückc, die unser thcurer Goethe in seinen Memoiren so trefflich beschrieben hat.

Lcssing war der literarische Arminius der unser Theater von jener Fremd-herrschaft befreite. Er zeigte uns dic Nichtigkeit, die Lächerlichkeit, dic Abgc-