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5 (1855) Vermische Schriften : erste Abtheilung
Entstehung
Seite
146
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Stäupen und Hinrichtung dargestellt sieht, so sollte man glauben, die altenMeister hätten diese Bilder für die Gallerie eines Scharfrichters gemalt.

Aber der menschliche Genius weiß sogar die Unnatur zu verklären, vielenMalern gelang es die unnatürliche Aufgabe schön und erhebend zu lösen, undnamentlich die Italiener wußten der Schönheit etwas ans Kosten des Spiri-tualismus zu huldigen, und sich zu jener Idealität emporzuschwingen, die inso vielen Darstellungen der Madonna ihre Bliithe erreicht hat. Die katholischeKlerisei hat überhaupt, wenn es die Madonna galt, dem Sensualismus immereinige Zugeständnisse gemacht. Dieses Bild einer unbefleckten Schönheit, dienoch dabei von Mutterliebe und Schmerz verklärt ist, hatte das Vorrecht, durchDichter und Maler gefeiert und mit allen sinnlichen Reizen geschmückt zu wer-den. Denn dieses Bild war ein Magnet, welcher die große Menge in denSchooß des Christcnthums ziehen konnte. Madonna Maria war gleichsamdie schöne Hains cw (lomptoir der katholischen Kirche, die deren Kunden, be-sonders die Barbaren des Nordens, mit ihrem himmlische» Lächeln anzog undfesthielt.

Die Baukunst trug im Mittelalter denselben Charakter wie die anderenKünste; wie denn überhaupt damals alle Mauifestazionen des Lebens aufswunderbarste mit einander harmonirtcn. Hier, in der Architektur, zeigt sichdieselbe parabolische Tendenz wie in der Dichtkunst. Wenn wir jcht in einenalte» Dom treten, ahnen wir kaum mehr den esoterischen Sinn seiner steiner-nen Symbolik. Nur der Gesamintcindrnck dringt uns nnmittelbar in'S Gc-müth. Wir fühlen hier die Erhebung des Geistes und die Zertretung desFleisches. Das Innere des Doms selbst ist ein hohles Kreuz und wir wan-deln da im Werkzeuge des Martprthums selbst; die bunte» Fenster werfenaus uns ihre rothen und grünen Lichter, wie Blutstropsen und Eiter; Sterbe-licder umwimmern uns; unter unseren Füßen Lcichensteinc und Verwesung;und mit den kolossalen Pfeilern strebt der Geist in die Höhe, sich schmerzlichlosreißend von dem Leib, der wie ein müdes Gewand zu Boden sinkt. Wennman sie von außen erblickt diese gothischen Dome, diese ungeheuren Bauwerke,die so luftig, so sein, so zierlich, so durchsichtig gearbeitet sind, daß man sie fürauSgeschnitzclt, daß man sie für brabanter Spihcn von Marmor halten sollte:dann fühlt man erst recht die Gewalt jener Zeit, die selbst den Stein so zubewältigen wußte, daß er fast gespenstisch durchgcistet erscheint, daß sogar diesehärteste Materie den christlichen Spiritualismus ausspricht.

Aber die Künste sind nur der Spiegel des Lebens, und wie im Leben derKatholizismus erlosch, so verhallte und erblich er auch in der Kunst. ZurZeit der Neformazion schwand allmählich die katholische Poesie in Europa, undan ihrer Stelle sehen wir die längst abgestorbene griechische Poesie wieder auf-leben. Es war freilich nur ein künstlicher Frühling, ein Werk des Gärtners