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5 (1855) Vermische Schriften : erste Abtheilung
Entstehung
Seite
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ligen Bedeckungen der unbefleckten Jungfrauschaft Marin, welche auch, da ibrSohn der Mandelkern ist, ganz vernünftigerweise als Mandclblüihe besungenwird. Das ist nun der Charakter der mittelalterlichen Poesie, die wir die ro-mantische nennen.

Die klassische Kunst hatte nur das Endliche darzustellen, und ihre Gestaltenkonnten identisch sein mit der Idee des Künstlers. Die romantische Kunsthatte das Unendliche und lauter spiritualistische Beziehungen darzustellen odervielmebr anzudeuten, und sie nahm ihre Zuflucht zu einem System tradizioncl-lrr Symbole, oder vielmehr zum Parabolischen, wie schon Christus selbst seinesviritualistischen Ideen durch allerlei schöne Parabeln deutlich zu machen suchte.Daher das Mystische, Räthselhafte, Wunderbare und Ucberschwenglichc in denKunstwerken des Mittelalters; die Phantasie macht ihre entsehlichstcn Anstren-gungen das Rcingeistigc durch sinnliche Bilder darzustellen, und sie erfindet diekollosalsten Tollheiten, sie stülpt den Pelion auf den Ossa, den Parcival ausden Titurel, um de» Himmel zu erreichen.

Bei den Völkern, wo die Poesie ebenfalls daö Unendliche darstellen wollte,und ungeheure Ausgeburten der Phantasie zum Vorschein kamen, z. B. beiden Skandinaviern und Jndicrn, finden wir Gedichte, die wir ebenfalls fürromantisch halten und auch romantisch zu nennen Pflegen.

Von der Musik des Mittelalters können wir nicht viel sagen. Es fehlenuns die Urkunden. Erst spät, im sechzehnten Jahrhundert, entstanden dieMeisterwerke der katholischen Kirchenmusik, die man in ihrer Art nicht genugschafien kann, da sie den christlichen Spiritualismus am reinste» aussprechen.Die rezitircndcn Künste, spiritualistisch ihrer Natur nach, konnten im Christcn-tbnm ein ziemliches Gedeihen finden. Minder vortheilhaft war diese Religionfür die bildenden Künste. Denn da auch diese den Sieg des Geistes über dieMaterie darstellen sollten, und dennoch eben diese Materie als Mittel ihrer Dar-stellung gebrauchen mußten: so hatten sie gleichsam eine unnatürliche Aufgabezu lösen. Daher in Skulptur und Malerei jene abscheulichen Thcmatc:Martvrbilocr, Kreuzigungen, sterbende Heiligen, Zerstörung des Fleisches.Die Ausgaben selbst waren ein Martprthum der Skulptur, und wenn ich jeneverzerrten Bildwerke sehe, wo durch schief-fromme Köpfe, lange dünne Arme,magere Beine und ängstlich unbeholfene Gewänder die christliche Abstinenz undEntsinnlichung dargestellt werden soll, so erfaßt mich unsägliches Mitleid mitden Künstlern jener Zeit. Die Maler waren wohl etwas begünstigter, da dasMaterial ihrer Darstellung, die Farbe, in seiner Unerfaßbarkcit, in seiner bun-ten Schattenhaftigkcit, dem Spiritualismus nicht so derb widerstrebte wie dasMaterial der Skulptorcn; dennoch mußten auch sie, die Maler, mit den wi-derwärtigsten Leidensgestalten die seufzende Leinwand belasten. Wahrlich,wenn man manche Gemäldesammlung betrachtet und nichts als Blutsccncn,

Heine, V, tZ