Herrlichkeit des Wolfram von Eschilbach, den wir im Parcival und in denFragmenten des Titurcl so sehr bewundern. Es ist vielleicht jetzt erlaubt, denMeister Gottfried unbedingt zu rühmen und zu preisen. Zu seiner Zeit hatman sein Buch gewiß für gottlos und ähnliche Dichtungen, wozu schon derLancclot gehörte, für gefährlich gehalten. Und es sind wirklich auch bedenk-liche Dinge vorgefallen. Franccsca da Polcnta und ihr schöner Freund muß-ten theucr dafür büßen, daß sie eines TageS mit einander in einem solchenBuche lasen; — die größere Gefahr freilich bestand darin, daß sie plötzlich zulesen aufhörten!
Die Poesie in allen diesen Gedichten des Mittelalters trägt einen bestimmtenCharakter, wodurch sie sich von der Poesie der Griechen und Römer unter-scheidet. In Betreff dieses Unterschieds nenne» wir erstcre die romantische undletztere die klassische Poesie. Diese Benennungen aber sind nur unsichereRubriken und führten bisher zu den unergnickiichstcn Vcrwirrnisscn, die nochgesteigert wurden, wenn man die antiquc Poesie statt klassisch auch plastischnannte. Hier lag besonders der Grund zu Mißverständnissen. Ziemlich dieKünstler sollen ihren Stoff plastisch bearbeiten, er mag christlich oder heidnischsein, sie sollen ihn in klaren Umrissen darstellen, kurz: plastische Gestaltung sollin der romantisch modernen Kunst, eben so wie in der antiqucn Kunst, dieHauptsache sein. Und in der That, sind nicht die Figuren in der göttliche»Comödic des Dante oder aus den Gemälden des Raphael eben so plastisch wiedie im Virgil oder auf den Wänden von Herkulanum ? Der Unterschied bestehtdarin, daß die plastischen Gestalten in der antiguen Kunst ganz identisch sindmit dem Darzustellenden, mit der Idee, die der Künstler darstellen wollte, z. B.daß die Irrfahrten des Odysseus gar nichts anders bedeuten, als die Irrfahr-ten des Mannes, der ein Sohn des Laertes und Gemahl der Pcnclopcpa warund Odysseus hieß; daß ferner der Bacchus, dm wir im Louvre sehen, nichtsanders ist als der anmuthige Sohn der Semele mit der kühnen Wehmuth inden Augen und der heiligen Wollust in den gewölbt weichen Lippen. Andersist es in der romantischen Kunst; da haben die Irrfahrten eines Ritters nocheine esoterische Bedeutung, sie deuten vielleicht auf die Irrfahrten des Le-bens überhaupt; der Drache, der überwunden wird, ist die Sünde; der Man-dclbaum, der dem Helden aus der Ferne so tröstlich zuduftet, das ist die Drei-einigkeit, Gott Vater und Gott Sohn und Gott Heiliger Geist, die zugleicheins ausmachen, wie Nuß, Faser und Kern dieselbe Mandel sind. WennHomer die Rüstung eines Helden schildert, so ist es eben nichts anders als einegute Rüstung, die so und so viel Ochsen Werth ist; wenn aber ein Mönch desMittelalters in seinem Gedichte die Röcke der MuttcrgotteS beschreibt, so kannman sich darauf verlassen, daß er sich unter diesen Röcken eben so viele verschie-dene Tugenden denkt, daß ein besonderer Sinn verborge» ist unter diesen hei-