— 128 —
dieses fatale Wort müssen wir auch auf das Verhältniß der Genialität zurTugend anwenden, diese beiden leben ebenfalls in beständigem Hader, undkehren sich manchmal verdrießlich den Rücken. Mit Bckümmerniß muß ichhier erwähnen, daß Gans in Bezug auf den erwähnten Verein für Culturund Wissenschaft des Judenthums, nichts weniger als tugendhaft handelte,und sich die unverzeihlichste Felonie zu Schulden kommen ließ. Sein Abfallwar um so widerwärtiger, da er die Nolle eines Agitators gespielt, und be-stimmte Präsidlalpfllchtcn übernommen hatte. Es ist hergebrachte Pflicht, daßder Capitän immer der letzte sei, der das Schiff verläßt, wenn dasselbe scheitert— Gans aber rettete sich selbst zuerst. Wahrllch in moralischer Beziehunghat der kleine Marcus den großen Gans überragt, und er konnte hier ebenfallsbeklagen, daß Gans seiner Aufgabe nicht besser gewachsen war.
Wir haben die Thcilnahme des Marcus an dem Verein für Cultur undWissenschaft des JudenthnmS als elnen Umstand bezeichnet, der uns wichtigerund denkwürdiger erschien, als all sein stützendes Wissen und seine sämmtlichcngelehrten Arbeiten. Ihm selber mag ebenfalls die Zeit, wo er den Bestre-bungen und Illusionen jenes Vereins sich hingab, als die sonnigste Blllthen-stunde seines kümmerlichen Lebens erschienen sein. Deshalb mußte hier jenesVereins ganz besonders Erwähnung geschehen, und eine nähere Erörterungseines Gedankens wäre wohl nicht überflüssig. Aber der Raum und die Zeitund ihre Hüter gestatten in diesen Blättern keine solche ausgeführte Darstel-lung, da letztere nicht blos die religiösen und bürgerlichen Verhältnisse der Ju-den, sondern auch die aller deistischen Serien auf diesem Erdball umfassenmüßte. Nur so viel will ich hier aussprechen, daß der esoterische Zweck jenesVereins nichts anderes war, als eine Vermlttelung des historischen Juden-thums mit der modernen Wissenschaft, von welcher man annahm, daß sie imLaufe der Zeit zur Weltherrschaft gelangen würde. Unter ähnlichen Umstän-den, zur Zelt des Philo, als die griechische Philosophie allen alten Dogmenden Krieg erklärte, ward in Alexandrien Aehnliches versucht, mit mehr oderminderem Mißgeschick. Von schismatischer Aufklärerei war hier nicht dieRede, und noch weniger von jener Emanclpatlon, die in unseren Tagen manch-mal so ekelhaft geistlos durchgcträtscht wird, daß man das Interesse dafür ver-lleren könnte. Namentlich haben es die israelitischen Freunde dieser Frageverstanden, sie in eine wässerig graue Wolke von Langweiligkeit zu hüllen, dieihr schädlicher ist, als das blödsinnige Gift der Gegner. Da giebt es gcmüthllchePharisäer, die noch besonders damit prahlen, daß sie kein Talent zum Schrei-ben besitzen und dem Apollo zum Trotz für Jchovah die Feder ergriffen haben.Mögen die deutschen Regierungen doch recht bald ein ästhetisches Erbarmen mitdem Publicum haben, und jenen Salbadereien ein Ende machen durch Beschleu-nigung der Emancipatlon, die doch früh oder spät bewilligt werden muß.