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5 (1855) Vermische Schriften : erste Abtheilung
Entstehung
Seite
124
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jugendlich. Ein kleiner schmächtiger Leib, wie der eines Jungen von achtJahren, und im Antlitz eine Greisenhaftigkeit, die wir gewöhnlich mit einemverbogenen Rückgrat gepaart finden. Eine solche Mißförmlichkeit aber warnicht an ihm zu bemerken, und eben über diesen Mangel wunderte man sich.Diejenigen, welche den verstorbenen Moses Mendelssohn persönlich gekannt,bemerkten mit Erstaunen die Achnlichkeit, welche die Gesichtszüge des Marcusmit denen jenes berühmten Weltweisen darboten, der sonderbarerweise eben-falls ans Dessau gebürtig war. Hätten sich die Chronologie und die Tugendnicht allzubestimmt für den ehrwürdigen Moses verbürgt, so könnten wir aufeinrn frivolen Gedanken gerathcn.

Aber dem Geiste nach war Marcus wirklich ein ganz naher Verwandterjenes großen Reformators der deutschen Inden, und in seiner Seele wohnteebenfalls die größte Uncigenniitzigkeit, der duldende Stillmuth, der bescheideneNcchtsinn, lächelnde Verachtung des Schlechten, und eine unbeugsame, eiserneLiebe für die unterdrückten Glaubensgenossen. Das Schicksal derselben war,wie bei jenem Moses, auch bei Marcus der schmerzlich glühende Mittelpunktaller seiner Gedanken, das Herz seines Lebens. Schon damals in Berlinwar Marcus ein Polyhistor, er stöberte in allen Bereichen des Wissens, erverschlang ganze Bibliotheken, er vcrwiihlte sich in allen Sprachschätzen desAitrrthums und der Neuzeit, und die Geographie, im generellsten wie imparticularsten Sinne, war am Ende sein Lieblingsstudium geworden: es gabaus diesem Erdball kein Factum, keine Ruine, kein Idiom, keine Narrheit,keine Blume, die er nicht kannte aber von allen seinen GcisteScrcursionrnkam er immer gleichsam nach Hause zurück zu der Leidensgeschichte Israels,zu der Schädclstätte Jerusalems und zu dem kleinen Väterdialckt Palästinas,um dessentwillen er vielleicht die semitischen Sprachen mit größerer Vorliebeals die andern betrieb. Dieser Zug war wohl der hervorstechend wichtigste imCharakter des Ludwig Marcus, und er gicbt ihm seine Bedeutung und scinVerdienst; denn nicht bloS das Thun, nicht bloS die Thatsache der hintcr-lassencn Leistung, giebt uns ein Recht auf ehrende Anerkennung nach demTode, sondern auch das Streben selbst, und gar besonders das unglücklicheStreben, das gescheiterte, fruchtlose, aber großmüthigc Wollcn.

Andere werden vielleicht das erstaunliche Wissen, das der Verstorbene inseinem Gedächtniß aufgestapelt hatte, ganz besonders rühmen und preisen;für uns hat dasselbe keinen sonderlichen Werth. Wir konnten überhauptdiesem Wissen, ehrlich gestanden, niemals Geschmack abgewinnen. Alleswas Marcus wußte, wußte er nicht lebendig organisch, sondern als todteGeschichtlichkeit, die ganze Natur versteinerte sich ihm, und er kannte imGrunde nur Fossilien und Mumien. Dazu gesellte sich eine Ohnmacht derkünstlerischen Gestaltung, und wenn er etwas schrieb, war es ein Mitleid