Druckschrift 
5 (1855) Vermische Schriften : erste Abtheilung
Entstehung
Seite
102
Einzelbild herunterladen
 

102

Nach obigen Geständnissen wird der geneigte Leser lcichtlich begreifen, warummir meine Arbeit über die Hcgel'schc Philosophie nicht mehr behagtc. Ichsah gründlich ein, daß der Druck derselben weder dem Publicum noch demAutor heilsam sein konnte; ich sah ein, daß die magersten Spittclsnppcn derchristlichen Barmherzigkeit für die verschmachtende Menschheit noch immer er-quicklicher sein dürften, als das gekochte graue Spinnweb der Hegcl'schcn Dia-lektik; ja ich will Alles gestehen, ich bekam auf einmal eine große Furchtvor den ewigen Flammen es ist freilich ein Aberglaube, aber ich battc Furcht und an einem stillen Winterabend, als eben in meinem Kamin ein starkesFeuer brannte, benutzte ich die schöne Gelegenheit, und ich warf mein Mann-script über die Hegel'chc Philosophie in die lodernde Gluth; die brennendenBlätter flogen hinauf in den Schlot mit einem sonderbaren kichernden Ge-knister.

Gottlob, ich war sie loS! Ach könnte ich doch alles, was ich einst über deutschePhilosophie drucken ließ, in derselben Weise vernichten! Aber das ist unmög-lich, und da ich nicht einmal den Wiederabdruck bereits vergriffener Bücherverhindern kann, wie ich jüngst bctrllbsamlichst erfahren, so bleibt mir nichtsübrig, als öffentlich zu gestehen, daß meine Darstellung der deutschen philoso-phischen Systeme, also fürnehmlich die ersten drei Abtheilungen meines Büchescks 1'rAIema.Zne, die sündhaftesten Jrrthümcr enthalten. Ich hatte die ge-nannten drei Partien in einer deutschen Version als ein besonderes Buch druckenlassen, und da die letzte Ausgabe desselben vergriffen war, und mein Buchhänd-ler das Recht besaß, eine neue Ausgabe zu veröffentlichen, so versah ich dasBuch mit einer Vorrede, woraus ich eine Stelle hier mitthcile, die mich destraurigen Geschäftes überhebt, in Bezug auf die erwähnten drei Partien der^UemuFiro mich besonders auszusprechen. Sie lautet wie folgt:Ehrlichgestanden, es wäre mir lieb, wenn ich das Buch ganz ungedruckt lassen könnte.ES haben sich nämlich seit dem Erscheinen desselben meine Ansichten übermanche Dinge, besonders über göttliche Dinge, bedenklich geändert, »nd man-ches, was ich behauptete, widerspricht jetzt meiner bessern Ueberzcngnng. Aberder Pfeil gehört nicht mehr dem Schützen, sobald er von der Sehne des Vo-gens fortfliegt, und das Wort gehört nicht mehr dem Sprecher, sobald es seinerLippe entsprungen und gar durch die Presse vervielfältigt worden. Außerdemwürden fremde Befugnisse mir mit zwingendem Einspruch entgegentreten,wenn ich das Buch nngcdruckt ließe und meinen Gesammtwcrken entzöge.Ich könnte zwar, wie manche Schriftsteller in solchen Fällen tbnn, zu einerMilderung der Ausdrücke, zu Verhüllungen durch Phrase meine Zufluchtnehmen; aber ich hasse im Grund meiner Seele die zweideutigen Worte, dieheuchlerischen Blumen, die feigen Feigenblätter. Einem ehrlichen Mannebleibt aber unter allen Ilmstände» das unveräußerliche Recht, seinen Jrrthum