Druckschrift 
5 (1855) Vermische Schriften : erste Abtheilung
Entstehung
Seite
101
Einzelbild herunterladen
 

101

lich die verkehrte Welt. Wäre ich in dieser unsinnigen, auf den Kops ge-stellte» Zeit ein vernünftiger Mensch gewesen, so hätte ich gewiß durch jeneEreignisse meinen Verstand verloren, aber verrückt wie ich damals war, mußtedas Gcgentheil geschehen, und sonderbar! just in den Tagen des allgemeinenWahnsinns kam ich selber wieder zur Vernunft! Gleich vielen anderen her-untergekommenen Göttern jener Umsturzpcriode, mußte auch ich kümmerlichabdanken nnd in den menschlichen Privatstand wieder zurücktreten. Das warauch das Gescheiteste, das ich thun konnte. Ich kehrte zurück in die niedreHürde der Gottesgeschöpfc, nnd ich huldigte wieder der Allmacht eines höchstenWesens, das den Geschicken dieser Welt vorsteht, und daö auch hinfüro meineeignen irdischen Angelegenheiten leiten sollte. Letztere waren während derZeit, wo ich meine eigne Vorsehung war, in bedenkliche Verwirrung geratheu,und ich war froh, sie gleichsam einem himmlischen Intendanten zu übertragen,der sie mit seiner Allwissenheit wirklich viel besser besorgt. Die Existenz eincsGottes ward seitdem für mich nicht blos ein Quell des Heils, sondern sie über-hob mich auch aller jener guälcrischcn Rcchnungsgeschäftc, die mir so verhaßt,und ich verdanke ihr die größten Ersparnisse. Wie für mich, brauche ich jetztauch nicht mehr für andre zu sorgen, und seit ich zu den Frommen gehöre, gebeich fast gar nichts mehr aus für Unterstützung von Hülfsbcdürftigeu; ichbin zu bescheiden, als daß ich der göttlichen Fürschung wie ehemals in's Hand-werk pfuschen sollte, ich bin kein Gcincindcvcrsorger mehr, kein Nachäffcr Got-tes, und meinen ehemaligen Clicnten habeich mit srommerDemuth angezeigt,daß ich nur ein armseliges Menschcngeschöpf bin, eine seufzende Crcatur, diemit der Weltrcgicrnng nichts mehr zu schaffen hat, und daß sie sich hinfüro inNoth und Trübsal an den Herrgott wenden müßten, der im Himmel wohnt,und dessen Budget eben so unermeßlich wie seine Güte ist, während ich armerErgvtt sogar in meinen göttlichsten Tagen, um meinen Wohlthätigkeitsgelüstenzu genügen, sehr oft den Teufel an dem Schwanz ziehen mußte.

lllirer ls cliable par In gneuo ist in der That einer der glücklichsten Aus-drücke der französischen Sprache, aber die Sache selbst war höchst dcmüthigendfür einen Gott. Ja, ich bin froh, meiner angemaßten Glorie entledigt zusein, und kein Philosoph wird mir jemals wieder einreden, daß ich ein Gottsei! Ich bin nur ein armer Mensch, der obendrein nicht mehr ganz gesundund sogar sehr krank ist. In diesem Zustand ist es eine wahre Wohlthat fürmich, daß es Jemand im Himmel giebt, dem ich beständig die Litanei meinerLeiden vorwimmcrn kann, besonders nach Mitternacht, wenn Mathilde sich zurRuhe begeben, die sie oft sehr nöthig hat. Gottlob! in solchen Stunden bin ichnicht allein, und ich kann beten und flennen so viel ich will, und ohne mich zugcnircn, und ich kann ganz mein Herz ausschütten vor dem Allerhöchsten und ihmManches vertrauen, was wir sogar nnsrcr eignen Frau zu verschweigen Pflegen.

s»