Ein geistreicher Franzose — vor einigen Jahren hätten diese Worte einenPleonasmus gebildet — nannte mich einst einen romantigus ckakrogus. Ichhege eine Schwäche fiir alles was Geist ist, und so boshaft die Benennungwar, hat sie mich dennoch höchlich ergötzt. Sie ist treffend. Trotz meinercxterminatorischen Feldziige gegen die Romantik, blieb ich doch selbst immerein Romantiker, und ich war es in einem höhern Grade, als ich selbst ahnte.Nachdem ich dem Sinne für romantische Poesie in Deutschland die tödtlichstenSchläge beigebracht, beschlich mich selbst wieder eine unendliche Sehnsuchtnach der blauen Blume im Traumlande der Nomantik, und ich ergriff die be-zauberte Laute und sang ein Lied, worin ich mich allen holdseligen Ucbcrtrci-bungen, aller Mondschcintrunkenheit, allem blühenden Nachtigallen-Wahn-sinn der einst so geliebten Weise hingab. Ich weiß, cS war „das letzte freieWaldlicd der Romantik," und ich bin ihr letzter Dichter: mit mir ist die altelyrische Schule der Deutschen geschlossen, während zugleich die neue Schule,die moderne deutsche Lyrik, von mir eröffnet ward. Diese Doppelbedeutungwird mir von den deutschen Literarhistorikern zugeschrieben. Es ziemt mirnicht, mich hierüber weitläufig auszulassen, aber ich darf mit gutem Fugesagen, daß ich in der Geschichte der deutschen Nomantik eine große Erwähnungverdiene. Aus diesem Grunde hätte ich in meinem Buche cks I'^IIsmagns,wo ich jene Geschichte der romantischen Schule so vollständig als möglich dar-zustellen suchte, eine Besprechung meiner eignen Person liefern müssen. In-dem ich dieses unterließ, entstand eine Lacune, welcher ich nicht leicht abzuhelfenweiß. Die Abfassung einer Selbstcharaktcristik wäre nicht blos eine sehr ver-fängliche, sondern sogar eine unmögliche Arbeit. Ich wäre ein eitler Geck,wenn ich hier das Gute, das ich von mir zu sagen wüßte, drall hervorhübe,und ich wäre ein großer Narr, wenn ich die Gebrechen, deren ich mich vielleichtebenfalls bewußt bin, vor aller Welt znr Schau stellte— Und dann, mit dembesten Willen der Treuherzigkeit kann kein Mensch über sich selbst die Wahr-heit sagen. Auch ist dies niemandem bis jetzt gelungen, weder dem heiligenNugustin, dem frommen Bischof von Hippo, noch dem Genfer Jean JacguesRousseau, und am allerwenigsten diesem letztern, der sich den Mann derWahrheit und Natur nannte, während er doch im Grunde viel verlogenerund unnatürlicher war, als seine Zeitgenossen. Er ist freilich zu stolz, als
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