Es Ware eine humoristische Idee, wenn man England als ein Todtenland,als das platonische Reich, als die Hölle bezeichnen wollte. England mag inder That manchem Fremden in solcher Gestalt erscheinen.
In einem Versuche über die Faust-Legende habe ich den Volksglauben inBezug auf das Reich des Pluto und diesen selbst hinlänglich besprochen. Ichhabe dort gezeigt, wie das alte Schattenreich eine ausgebildete Hölle und der altefinstre Beherrscher desselben ganz diabolisirt wnrde. Aber nur durch den Kan-zclcistil der Kirche klingen die Dinge so grell; trotz dem christlichen Anathcmablieb die Position des Pluto wesentlich dieselbe. Er, der Gott der Unterwelt,und sein Bruder NcptnnuS, der Gott des Meeres, diese Beiden sind nichtemigrirt wie andre Götter, und auch nach dem Siege des ChristcnthumSblieben sie in ihren Domaincn, in ihrem Elemente. Mochte man hier obenauf Erden das Tollste von ihm fabeln, der alte Pluto saß unten warm beiseiner Proserpina. Weit weniger Verunglimpfungen, als sein Bruder Pluto,hatte NcptnnuS zn erdulden, und weder Glockengcläutc noch Orgelklängekonnten sein Ohr verletzen da nnten in seinem Occan, wo er ruhig saß beiseiner wcißbusigen Frau Amphitritc und seinem feuchten Hofstaat vonNereiden und Tritoncn. Nnr zuweilen, wenn irgend ein junger Seemannzum ersten Male die Linie passirte, tauchte er empor aus seiner Fluth, in derHand den Dreizack schwingend, das Haupt mit Schilf bekränzt, und dersilberne Wcllenbart herabwallcnd bis zum Nabel. Er ertheilte alsdann demNcophiten die schreckliche Scewassertanfc, und hielt dabei eine lange, salbungS-rcichc Rede, voll von derben Secmannswitzcn, die er nebst der gelben Laugedes gekauten Tabaks mehr ausspuckte als sprach, zum Ergötzen seiner bcthcer-ten Zuhörer. Ein Freund, welcher mir ausführlich beschrieb, wie ein solchesWasser-Mysterium von den Seeleuten auf den Schiffen tragirt wird, ver-sicherte daß eben jene Matrosen, welche am tollsten über die drollige Fast-nachtsfratze des Neptuns lachten, dennoch keinen Augenblick an der Existenzeines solchen Mecrgottcs zweifelten und manchmal in großen Gefahren zuihm beteten.
Neptnnus blieb also der Beherrscher des Wasserreich?, wie Pluto trotz seinerDiabolisirung der Fürst der Unterwelt blieb. Ihnen ging es besser als ihremBruder Jupiter, dem dritten Sohn des Saturn, welcher nach dem Sturzseines Vaters die Herrschaft des Himmels erlangt hatte, und sorglos als Königder Welt im Olymp mit seinem glänzenden Troß von lachenden Göttern,Göttinnen und Ehrennymphen sein ambrosisches Frcudenrcgimcnt führte.Als die unselige Katastrophe hereinbrach, als das Regiment des Kreuzes, desLeidens, proclamirt ward, emigrirte auch der große Kronide, und er ver-schwand im Tumulte der Völkerwanderung. Seine Spur ging verloren,und ich habe vergebens alte Chroniken und alte Weiber befragt, niemand