Druckschrift 
5 (1855) Vermische Schriften : erste Abtheilung
Entstehung
Seite
53
Einzelbild herunterladen
 

53

tcn blinzelnd, und auf dem gepuderten Köpfchen sitzt ein dreieckiges Hütlcin.Unter einer hellgelben Houppelandc mit unzähligen Krägclchcn trägt derMann die altmodische Kleidung, die wir auf Portraitcn holländischer Kanf-lcutc finden, und welche eine gewisse Wohlhabenheit vcrräth: ein seidenes pa-pageigriineS Röckchen, blumcngcsticktc Weste, knrze schwarze Höschen, gestreifteStrumpfe und Schnallenschuhe; letztere sind so blank, daß man nicht begreift,wie Jemand dnrch den Schlamm der Sichiwcgc zu Fuße so unbcschmutzt hcr-gclangen konnte. Seine Stimme ist asthmatisch, scindräthig und manchmalins Greinende Überschlagend, doch der Vortrag und die Haltung des Männ-leinS ist gravitätisch gemessen, wie es einem holländischen Kaufmann ziemt.Diese Gravität scheint jedoch mehr erkünstelt als natürlich zu sein, und siecontrastirt manchmal mit dem forschsnmcn Hin- und Herlugcn der Acuglcin,so wie anch mit der schlecht unterdrückten flatterhaften Beweglichkeit der Beineund Arme. Daß der Fremde ein holländischer Kaufmann ist, bezeugt nichtblos seine Kleidung, sondern auch die mcrkantilische Genauigkeit und Umsicht,mit der er das Geschäft so vorthcilhaft als möglich für seine Committcntcnabzuschließen weiß. Er ist nämlich, wie er sagt, Spediteur und hat voneinem seiner Handelsfreunde den Auftrag erhalten, eine bestimmte AnzahlSeelen, so viel in einer gewöhnlichen Barke Raum fänden, von der ostfricsi-schen Küste nach der weißen Insel zn fördern; zu diesem Bchufc nun, fährter fort, möchte er wissen, ob der Schiffer diese Nacht die erwähnte Ladung mitseiner Barke nach der erwähnten Insel übersetzen wolle, und für diesen Fallsei er crbötig, ihm das Fährgeld gleich vorauszuzahlen, zuversichtlich hoffend,daß er aus christlicher Bescheidenheit seine Forderung recht billig stellen werde.Der holländische Kaufmann (dieses ist eigentlich ein Pleonasmus, da jederHolländer Kaufmann ist) macht diesen Antrag mit der größten Unbcfangen-beit, als handle es sich von einer Ladung Käse, und nicht von Seelen derVerstorbenen. Der Fischer stutzt einigermaßen bei dem Wort Seelen, und esrieselt ihm ein Bischen kalt über den Rücken, da er gleich merkt, daß von denSeelen der Verstorbenen die Rede sei, und daß er den gespenstischen Holländervor sich habe, der so manchen seiner Collcgcn die Uebcrfahrt der verstorbenenSeelen anvertraute und gut dafür bezahlte. Wie ich jedoch oben bemerkt,diese ostfricsischen Küstcnbewohncr sind muthig und gesund und nüchtern, undes fehlt ihnen jene Kränklichkeit der Einbildungskraft, welche uns für das Ge-spenstische und Uebersinnliche empfänglich macht: unsrcs Fischers geheimesGrauen dauert daher nur einen Augenblick; seine unheimliche Empfindungunterdrückend, gewinnt er bald seine Fassung, und mit dem Anschein desgrößten GleichmuthS ist er nur daraus bedacht, das Fährgeld so hoch als mög-lich zu steigern. Doch nach einigem Feilschen und Dingen verständigen sichbeide Contrahcnten über den Fahrlohn, sie geben einander den Handschlag zur

5«