Druckschrift 
5 (1855) Vermische Schriften : erste Abtheilung
Entstehung
Seite
36
Einzelbild herunterladen
 

36

tanzen" versteht. Ich finde nämlich in einem noch altern Buche von JohannPrätorius, welches 1668 zu Leipzig gedruckt ist und Nachrichten über denBlocksberg enthalt, die merkwürdige Belehrung, daß oberwähntcr Tanz vomTeufel erfunden worden; der ehrbare Autor sagt dabei ausdrücklich:

Von der neuen Gaillardischen Volta, einem welschen Tanze, wo man ein-ander an schamigen Orten fasset und wie ein getriebener Topf hcrumhaSpcltund wirbelt, und welcher durch die Zauberer aus Italien nach Frankreich istgebracht worden, mag man auch wohl sagen, daß zu dem, daß solcher Wirbcl-tanz voller schändlicher unflätiger Gcberdcn und unzüchtiger Bewegungen ist,er auch das Unglück auf sich trage, daß unzählig viel Morde und Mißgeburtendaraus entstehen. Welches wahrlich bei einer wohlbcstclltcn Polizei ist wahr-zunehmen und auf's allcrschärfste zu verbieten. Und diewcil die Stadt Genffürnehmlich das Tanzen hasset, so hat der Satan eine junge Tochter von Gensgclehrct, alle die tanzend und springend zu machen, die sie mit einer eisernenGerte oder Ruthe, welche der Teufel ihr gegeben gehabt, möchte berühren.Auch hat sie der Richter gespottet, und gesagt, sie werden sie nicht mögen um-bringen; hat dcßhalb der Uebelthat nie keine Reue gehabt."

Sic sehen aus dieser Citaziou, liebster Freund, erstens, was die Gaillardeist, und zweitens, daß der Teufel die Tanzkunst aus dem Grunde fördert, umden Frommen ein Acrgcrniß zu geben. Daß er gar die fromme Stadt Genf,das calvinistische Jerusalem, mit seiner Zaubcrgcrtc zum Tanzen zwang, daswar der Gipfel seiner Frevelhaftigkeit! Denken Sie sich alle diese kleinenGenfer Heiligen, alle diese gottesfürchtigcn Uhrmacher, alle diese Anscrwähl-tcn des Herren, alle diese tugendhaften Erzieherinnen, diese steifen, eckigenPrediger- und Schulmcisterfignrcn, welche auf einmal die Gaillarde zu tanzenbeginnen! Die Geschichte muß wahr sein, denn ich erinnere mich sie auch inder vaemonomnuin des Bodinus gelesen zu haben, und ich hätte nicht ÜbelLust, sie zu einem Ballcte zu bearbeiten, betitelt: das tanzende Genf!

Der Teufel ist ein großer Tanzkünstlcr, wie Sic sehen, und darf wahr-lich niemanden wundern, wenn er in der Gestalt einer Tänzerin sich einemvcrchrungswcrthen Publico präsentirt. Eine minder natürliche, aber sehrtiefsinnige Metamorphose ist eS, daß sich, im älteren Faustbuche, der Mcphi-stopheles in ein geflügeltes Roß verwandelt und auf seinem Rücken den Faustnach allen Ländern und Orten brachte, wohin dessen Sinn oder Sinnlichkeitbegehrte. Der Geist hat hier nicht blos die Geschwindigkeit des Gedankens,sondern auch die Macht der Poesie; er ist hier ganz eigentlich der Pegasus, derden Faust zu allen Herrlichkeiten und Genüssen dieser Erde hinträgt in derkürzesten Frist. Er bringt ihn im Nu nach Constantinopcl und zwar direktin den Harem des Großtürkcn, wo Faust unter den erstaunten Odalisken, dieihn für den Gott Mahomct hielten, sich göttlich ergötzt. Auch trägt er ihn