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5 (1855) Vermische Schriften : erste Abtheilung
Entstehung
Seite
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Da die meisten Volksbücher über Faust aus dem Widmau'schcn Werke ent-standen, so geschieht darin von der schönen Helena nur kärgliche Erwähnungund ihre Bedeutsamkeit konnte leicht übersehen werden. Auch Goethe übersahsie anfänglich, wenn er überhaupt, als er den erste» Theil des Faust schrieb,jene Volksbücher kannte und nicht blos in den Puppenspielen schöpfte. Erstvier Dezennien später, als er den zweiten Theil zum Faust dichtete, läßt erdarin auch die Helena austreten, und in der That, er behandelte sie oou amorv.ES ist das Beste oder vielmehr das einzig Gute in besagtem zweiten Thrilc, indieser allegorischen und labyriuthischen Wildniß, wo jedoch plötzlich, auf crha-beucm Postamente, ein wunderbar vollendetes griechisches Marmorbild sich er-hebt und uns mit den weißen Augen so hcidcngöttlich liebreizend anblickt, daßuns fast wehmüthig zu Sinne wird. Es ist die kostbarste Statue welche je-mals das Gocthc'schc Atelier verlassen »nd man sollte kaum glauben, daß eineGrcisenhand sie gemeißelt. Sie ist aber auch viel mehr ein Werk des ruhigbesonnenen BildenS, als eine Geburt der begeisterten Phantasie, welche letzterebei Goethe nie mit besonderer Stärke hervorbrach, bei ihm ebenso wenig wiebei seinen Lehrmeistern und Wahlvcrwandtcn, ich möchte fast sagen bei sei-nen Landslcutcn, den Griechen. Auch diese besaßen mehr harmonischen For-mcnsinu als übcrschwellende Schöpfungsfllllc, mehr gestaltende Bcgabnißals Einbildungskraft, ja, ich will die Ketzerei aussprechen, mehr Kunst alsPoesie.

Sie werden, thcuerster Freund, nach obigen Andeutungen leicht begreifen,warum ich der schönen Helena einen ganzen Akt in meinem Bällcte gewidmethabe. Die Insel, wohin ich sie versetzt, ist übrigens nicht von meiner eigenenErfindung. Die Griechen hatten sie schon langst entdeckt, und nach der Be-hauptung der alten Autoren, besonders des Pausanias und des Plinins, lagsie im Pontus EuxinuS, ungefähr bei der Mündung der Donau, und sie führteden Namen Achillca, wegen des Tempels des Achilles, der sich darauf befand.Er selbst, hieß es, der aus dem Grab erstandene Pclide, wandle dort umherin Gesellschaft der andern Berühmtheiten des Trojanischen Krieges, worunterauch die ewig blühende Helena von Sparta. Heldcnthum und Schönheitmüssen zwar frühzeitig untergehen, zur Freude des Pöbels und der Mittelmä-ßigkeit, aber großmüthigc Dichter entreißen sie der Gruft und bringen sie ret-tend nach irgend einer glückseligen Insel, wo weder Blumen noch Herzenwelken.

Ich habe über den zweiten Theil des Goethc'schen FanstcS etwas mürrischabgeurthcilt, aber ich kann wirklich nicht Worte finden um meine ganze Be-wunderung auszusprechen über die Art und Weise, wie die schöne Helena da-rin behandelt ist. Hier blieb Goethe auch dem Geiste der Sage getreu, wasleider, wie ich schon bemerkt, so selten bei ihm der Fall, ein Tadel, den ich nicht