lanchthon war Faust gebürtig aus Kundlingen, einem kleinen Städtchen inSchwaben. Beiläufig muß ich hier bemerken, daß die oben erwähnten Haupt-bücher über Faust von einander abweichen in der Angabe seines Geburtsorts.Nach der älteren Frankfurter Version ist er als eines Bauern Sohn zu Rodbei Weimar geboren. In der Hamburger Version von Widman heißt es hin-gegen: „Faustus ist gebürtig gewesen aus der Grafschaft Anhalt und habenseine Acltcru gewohnt in der Mark Soltwcdcl, die waren fromme Bauers-leute."
In einer Denkschrift über den fürtrefflichcn und chrcnvcstcn Vaudwurm-doktor Calmouius, womit ich mich jetzt beschäftige, finde ich Gelegenheit biszur Evidenz zu beweisen, daß der wahre historische Faust kein anderer ist, alsjener Sabcllicus, den der Abt Tritheim als eine» Marktschreier und Erzschelmschilderte, welcher Gott und die Welt besefclt habe. Der Umstand, daß der-selbe auf einer Visitenkarte, die er an Tritheim schickte, sich Faustus juniornannte, verleitete viele Schriftsteller zu der irrigen Annahme, als habe cS einenälteren Zauberer dieses Namens gegeben. Das Beiwort „junior" soll aberhier nur bedeuten, daß der Faust einen Vater oder älteren Bruder besaß, dernoch am Leben gewesen; was für uns von keiner Bedeutung ist. Ganz an-ders wäre z. B. wenn ich unscrm heutigen Calmouius das Epithel „junior"beilegen wollte, indem ich dadurch auf einen ältcru Calmouius hindeuten würde,der in der Mitte des vorigen Jahrhunderts gelebt und ebenfalls ein großerPrahlhans und Lügner gewesen sein mochte; er rühmte sich z. B. der ver-trauten Freundschaft Fricdrich'ö des Großen, und erzählte oft, wie der Königeines Morgens mit der ganzen Armee seinem Hause vorbcimarschirt sei, undvor seinem Fenster stille haltend, zu ihm hinaufgcrnfcn habe: „Adies, Cal-mouius, ich gehe jetzt in den siebenjährigen Krieg und ich hoffeJhn einst gesundwieder zu sehen!"
Viel verbreitet im Volke ist der Jrrthum, unser Zauberer sei auch derselbeFaust, welcher die Bnchdruckcrkuust erfunden. Dieser Jrrthum ist bedeutungs-voll und tiefsinnig. Das Volk idcntificirte die Personen, weil es aHute, daßdie Denkweise, die der Schwarzkünstler rcpräsentirt, in der Erfindung desBuchdruckers das furchtbarste Werkzeug der Verbreitung gefunden, und da-durch eine Solidarität zwischen beiden entstanden. Jene Denkweise ist aberdas Denken selbst in seinem Gegensätze zum blinden Credo des Mittelalters,zum Glauben an alle Autoritäten des Himmels und der Erde, einem Glan-ben an Entschädigung dort oben für die Entsagungen hicnicdcn, wie die Kircheihn dem kuicendcn Köhler vorbctcte. Faust fängt an zu denken, seine gottloseVernunft empört sich gegen den heiligen Glauben seiner Väter, er will nichtlänger im Dunkeln tappen und dürftig lungern, er verlangt nach Wissenschaft,nach weltlicher Macht, nach irdischer Lust, er will wissen, können und genie-