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5 (1855) Vermische Schriften : erste Abtheilung
Entstehung
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vermag, und ich habe wenigstens einem Verdienste nachgestrebt, dessen sichGoethe keineswegs rühirecn darf: in seinem Faustgedichtc nämlich vermissenwir durchgängig das treue Festhalten an der wirklichen Sage, die Ehrfurchtvor ihrem wahrhaftigen Geiste, die Pietät für ihre innere Seele, eine Pietät,die der Skeptiker des achtzehnten Jahrhunderts (und ein solcher blieb Goethebis an sein seliges Ende) weder empfinden noch begreifen konnte! Er hat sichin dieser Beziehung einer Willkür schuldig gemacht, die auch ästhetisch ver-dammenswcrth war und die sich zuletzt an dem Dichter selbst gerächt hat.Ja, die Mängel seines Gedichts entsprangen aus dieser Versündigung, den»,indem er von der frommen Symmetrie abwich, womit die Sage im deutschenVolksbcwnßtscin lebte, konnte er das Werk nach dem neu ersonncncn ungläu-bigen Bauriß nie ganz ausführen, cS ward nie fertig, wenn man nicht etwajenen lendenlahmen zweiten Thcil des Faustcs, welcher vierzig Jahre spätererschien, als die Vollendung des ganzen Poems betrachten will. In diesemzweiten Theilc befreit Goethe den Nckromanten aus den Krallen des Teufels,er schickt ihn nicht zur Hölle, sondern läßt ihn triumphircnd einziehen in'SHimmelreich, unter dem Geleite tanzender Englein, katholischer Amoretten,und das schauerliche Tcufclsbündniß, das unsern Väter» so viel haarsträu-bendes Entsetzen einflößte, endigt wie eine frivole Faryc, ich hätte fast gesagtwie ein Ballet.

Mein Ballet enthält das Wesentlichste der alten Sage vom Doktor Faustus,und indem ich ihre Hauptmomentc zu einem dramatische» Ganzen verknüpfte,hielt ich mich auch in den Details ganz gewissenhaft an den vorhandenen Tra-dizioncn, wie ich sie zunächst vorfand in den Volksbüchern, die bei uns auf denMärkten verkauft werden, und in den Puppenspielen, die ich in meiner Kind-heit tragircn sah.

Die Volksbücher, die ich hier erwähne, sind keineswegs gleichlautend. Diemeisten sind willkürlich zusammengestoppelt aus zwei ältcrn großen Werkenüber Faust, die, nebst den sogenannten HLllenzwängcn, als die Hauptgucllcnfür die Sage zu betrachten sind. Diese Bücher sind in solcher Beziehung zuwichtig als daß ich Ihnen nicht genauere Auskunft darüber geben müßte.Das älteste dieser Bücher über Faust ist 1587 zu Frankfurt erschienen bei Jo-hann Spies, der es nicht blos gedruckt, sondern abgefaßt zu haben scheint, ob-gleich er in einer Zueignung an seine Gönner sagt, daß er das Manuskriptvon einem Freunde aus Speyer erhalten. Dieses alte Frankfurter Faustbuchist weit poetischer, weit tiefsinniger und weit symbolischer abgefaßt, als dasandere Faustbuch, welches Georg Rudolph Widman geschrieben und 1599 zuHamburg herausgegeben. Letzteres jedoch gelangte zu größerer Verbreitung,vielleicht weil es mit homiletischen Betrachtungen durchwässert und mit gravi-tätischen Gelehrsamkeiten gespickt ist. Das bessere Buch ward dadurch vcr-