freundlichen Begehr nachkommend, schrieb ich den Brief an Lumley, den ichabgekürzt am Ende dieses Büchleins mittheile, da vielleicht anch dem deutschenLeser diese flüchtigen Blätter einiges Interesse gewähren dürften.
Wie über den historischen Faust habe ich in dem Briefe an Lumley auchüber den mythischen Faust nur dürftige Andeutungen gegeben. Ich kannnicht umhin, in Bezug auf die Entstehung und EntWickelung dieses Faustcsder Sage, der Faustfabel, hier das Resultat meiner Forschungen mit wenigenWorten zu rcsumircn.
Es ist nicht eigentlich die Legende vom Theophilus, Seneschall des Bischofsvon Adama in Sicilien, sondern eine alte anglosächsische, dramatische Be-handlung derselben, welche als die Grundlage der Faustfabel zu betrachten ist.In dem noch vorhandenen plattdeutschen Gedichte vom Theophilus sind alt-sächsische oder anglosächsische Archäismcn, gleichsam Wortversteinerungen,fossile Redensarten enthalten, welche darauf hinweisen, daß dieses Gedichtnur eine Nachbildung eines älteren Originals ist, das im Lause der Zeit ver-loren gegangen. Kurz nach der Invasion Englands durch die französischenNormannen muß jenes anglosächsische Gedicht noch existirt haben, dennaugenscheinlich ward dasselbe von einem französischen Poeten, dem Trouba-dour Rütebocus fast wörtlich nachgeahmt und als ein hkxstbre in Frankreichauf's Theater gebracht. Für diejenigen, denen die Sammlung von Mom-merque, worin auch dieses MMdre abgedruckt, nicht zugänglich ist, bemerkeich, daß der gelehrte Mangin vor etwa sieben Jahren im ckcmrnal ckes savantsüber das erwähnte blMvi-s hinlänglich Auskunft giebt. Dieses Mysteriumvom Troubadour Rllteboeuf benuhtc nun der englische Dichter Marlow, alser seinen Faust schrieb, indem er die analoge Sage vom deutschen ZaubererFaust nach dem älteren Faustbuche, wovon es bereits eine englische Ucber-sekung gab, in die dramatische Form kleidete, die ihm das französische auch inEngland bekannte Mysterium bot. Das Mysterium des Theophilus unddas ältere Volksbuch vom Faust sind also die beiden Faktoren, aus welchen dasMarlow'sche Drama hervorgegangen. Der Held desselben ist nicht mehr einruchloser Rebell gegen den Himmel, der verführt von einem Zauberer undum irdische Güter zu gewinnen, seine Seele dem Teufel verschreibt, aber end-lich durch die Gnade der Mutter Gottes, die den Pakt aus der Hölle zurück-holt, gerettet wird, gleich dem Theophilus: sondern der Held des Stücks isthier selbst ein Zauberer, in ihm, wie im Nekromanten des Faustbuchs, rcsu-miren sich die Sagen von allen früheren Schwarzkünstlern, deren Künste ervor den höchsten Herrschaften produzirt, und zwar geschieht solches aus pro-testantischem Boden, den die rettende Mutter Gottes nicht betreten darf, wcs-halb auch der Teufel den Zauberer holt ohne Gnade und Barmherzigkeit.Die Puppenspiel-Theater, die zur Shakespcar'schcn Zeit in London florirten