Druckschrift 
1 (1906)
Entstehung
Seite
177
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62. An Rudolf Christiani.

Verfluchtes Nest Göttingen, den 7. März 18S4.

Nebenstehender Brief vom 29. war im Begriffeauf die Post zu spazieren, als ich Ihren Brief vom26. Februar erhielt, und mich ganz göttlich freute undnebenbei höllisch ärgerte, daß ich Ihnen jetzt einen neuenBrief schreiben muß. Ich schicke Ihnen dennoch denalten, weil " 'ganzen mag, was in dem jetzigen Briefnicht stehen möchte und besonders, weil bei mir immerder Brief, den ich schreibe, ein Thermometer ist, worausman meine Gemütsstimmung erkennen kann. Das istdoch am Ende die Hauptsache, die man aus Briefen derFreunde ersehen will, und darum ist mir der Brief imNeglige-Gewand tausendmal lieber als der Gala-Brief.Zwar kann ich die augenblickliche Stimmung der Freundesehr gut erraten, wenn sie im Briefe reflektieren, undStoff und Weise geben mir manchen Wink. Doch istes mir lieber, wenn ich individuelle Züge, unbedeutendefakta finde; und obzwar es mich hinreichend interessiert,wie vr. Christiani über das Volkstümliche denkt, sowürde es mich dennoch ebensostark, ja noch mehr in-teressieren, wenn ich erfahre: ob er auf jener Redoute(abgeleitet von reckoutable) in Lüneburg seine unästhe-tischen Trikothosen getragen, ob er noch oft nach Wiene-büttel geht, und Gott weiß was mehr. Aber was ichhier sage ist eigentlich gegen einen Berliner Freundgerichtet, wovon ich gestern einen langen Brief erhielt,worin nichts über den Freund selbst, da doch diesesmich mehr interessierte als seine ellenlangen Kontem-plationen. Ja, ich habe eben Ihren lieben Brief wieder-