wenigstens das haben, daß ich so schreiben darf, wie esmir einfällt, ohne daß ich ein stilistisches oder gramma-tisches Ketzergericht zu befürchten habe. Außerdem binich in diesem Augenblick — es ist 8 Uhr dunkel — zusehr abgespannt, um mich nur im mindesten anstrengenzu können, und ich will mich auch nicht anstrengen, undich habe Sie zu lieb, um einen bloßen Formenbrief zuschreiben. Ich will daher ganz kurz Ihnen bemerken,daß Madame Zwicker ein Engel ist. Engel? Ohnmach-tiger Vergleich! Sie ist die Quintessenz aller himm-lischen Heerscharen! Auf ihren Lippen hat der Liebes-gott sein rotes Siegel gedrückt, in ihren Augen ist Unter-gang und Auferstehung, sse ist die fleischgewordeneLiebenswürdigkeit selbst, und so weiter. Zwicker hatzuerst keinen günstigen Eindruck auf mich gemacht. Ichfand ihn in seinen Akten — ich gab mich ihm für einenreisenden Studenten aus — gab ihm Ihren Brief —er legte ihn noch ungelesen beiseite — wir sprachen vonder Berliner Gesellschaft — ich empfahl mich. Denandern Morgen machte er mir seinen Gegenbesuch in derHasenschenke, wo ich logierte, und war sehr liebens-würdig, wir sprachen viel von deutscher Literatur, vielvon Christian!, welchen jungen Menschen er recht zulieben scheint, viel von Arnim, Straube, Brentano,Romantik — von mir hatte er noch nichts gelesen, daer seit langer Zeit gar nichts Neues liest — und erlud mich ein zum Mittagbrote, wozu er auch Arnswaldgeladen. Arnswald erschien mir zuerst ebenfalls inkeinem günstigen Licht, aber allmählich ward er mirlieber, er wurde sichtbar erwärmt, mitteilend, gegenmich höchst zuvorkommend, und las einige Lieder von
164