Druckschrift 
1 (1906)
Entstehung
Seite
152
Einzelbild herunterladen
 

wechselseitig Eure schwachen Seiten ertragen lernt.Wechselseitige Nachsicht, Billigkeit, Verständnis gründeteine gute Ehe. Moritz wird schon wissen, wie er so einliebes, gläsernes, hübsches und wunderliches Spielzeug,wie Du bist, zu behandeln hat. Ich hoffe, daß Du DichWohl befindest, liebes Lottchen. Sei versichert, daß ichimmer an Dich denke. Ich weiß ja, daß der liebe Gotthaben will, daß Dir alle Menschen die Hände küssen.Daran glaube ich, das ist meine Religion.

53. An Charlotte Embken.

Lüneburg, den S«. Dezember 18SS,

Liebe Lotte!

Es ist himmelschreiendes Unrecht, daß ich keine Zeilevon Dir zu sehen kriege. Wie lebst Du, was machstDu? O wie schmerzt es mich, daß ich abreisen muß,ohne Dich süßes Wesen wiedergesehen, und gesprochen,und geküßt zu haben! Ich breche mir schon den ganzenMorgen den Kopf, ob ich ein oder zwei Finger darumgäbe, wenn ich einige Jahre in Deiner Nähe verlebenkönnte. Ich würde nach Hamburg kommen, Abschiedvon Dir zu nehmen, wenn ich dort nicht durch eine großeReihe Bekannte moralisch Spießruten laufen müßte.Schreibe mir dann und wann, wenn ich in Göttin-gen bin. Deine Briefe tragen ganz das Gepräge Deinernetten Seele, und sind wahre Bonbons für mein Herz. Der Gedanke an Dich, liebe Schwester, muß michzuweilen aufrecht halten, wenn die große Masse mit

153