Druckschrift 
1 (1906)
Entstehung
Seite
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seltener Fall ist, wenn ich nicht an sie denke. Die ganzevorige Woche beschäftigte ich mich mit ihr. Ich lasnämlich Madame StaslsCorinna". Ich hätte diesesBuch gar nicht verstehen können vor jener großen Lebens-epoche, als ich Ihre Schwester kennen lernte. Und,lieber Robert, Sie können kaum glauben, wie artig ichmich jetzt gegen Frau von Varnhagen betrage, ichhabe jetzt, bis aus eine Kleinigkeit, den ganzen Goethegelesen!!! Ich bin jetzt kein blinder Heide mehr, son-dern ein sehender. Goethe gefällt mir sehr gut. Ichmöchte gern an Frau von Varnhagen schreiben, aberes würde mir zu viel Schmerzen machen; ohne falsch zusein, könnte ich Herrn von Varnhagen nicht unerwähntlassen. Dieser Mann hat mir viel Gutes und Liebeserwiesen, mehr als ich ihm je danken kann, und ich werdegewiß lebenslänglich gegen ihn dankbar sein; aber einSchmerz, wogegen der Zahnschmerz, (wissen Sie, wasdas ist?) der Zahnschmerz, den ich in diesem Augenblickempfinde, ein wahres Wonnegefühl ist, zerreißt mir dieSeele, wenn ich an Varnhagen denke. Er selbst ist wohlwenig schuld daran, er hat bloß mal den Einfall gehabt,gegen mich den Antonio spielen zu wollen. Ich kannviel vertragen, und hätte auch das, wie gewöhnlich,abgeschüttelt aber dieses ereignete sich just zu einerStunde, wo ich gar nichts vertragen konnte, und wojedes Unsänftigliche, sei es nur ein Wort, ein Blick, eineBewegung, mir eine unheilbare Wunde verursachenmußte. Sie kennen das Leben, lieber Robert, und Siewissen, daß es solche Stunden im Leben gibt, wo unsdie Liebsten am tiefsten verletzen können, daß diese Ver-letzung ein unvergeßliches Gefühl in uns allmählich

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