Was Sie in betreff Rousseaus vermuten, scheintseine Richtigkeit zu haben. Ich bin seit drei Monatenund noch länger ohne Brief von ihm und habe Spuren,daß er schon Kot herbeischleppt, um mich damit zu be-werfen. Ich habe längst gewußt, daß er sich mit meinenalten grimmigsten Gegnern, mit den A l t d e u t s ch e n,wieder verbunden; und das Mißfallen, das die Tendenzdes „Almansor" am Rhein erregt, welche Tendenz erselbst jetzt einschen mag, wird dazu beigetragen haben,einen eingeflößten Groll gegen mich aufkommen zulassen. Mein Stillschweigen über seine Poetereien ist esnicht, er weiß, daß ich erst spät eine Beurteilung der-selben schreiben wollte; und diese ist jetzt schon ge-schrieben, ohne Lob und ohne Bitterkeit, und bleibt un-verändert.
Ich hoffe, daß dieser Brief Sie, lieber Lehmann,noch in Berlin findet. Wie können Sie glauben, daßein Stillschweigen von meiner Seite eine Gleichgültig-keit bedeute? Wenn Sie irgend ein gutes Prinzip inmir annehmen, dürfen Sie das nicht glauben. Siewissen, daß ich Ihnen aus so vielfache Weise verpflichtetbin, daß es eine schmutzige Undankbarkeit wäre, diesesaus dem Gedächtnisse zu verlieren. Sie sind fast dererste in Berlin gewesen, der sich mir liebreich genaht undbei meiner Unbeholfenheit in vielen Dingen sich mir aufdie uneigennützigste Weise freundlich und dienstfertigerwies. Es liegt in meinem Charakter, oder besser gesagtin meiner Krankheit, daß ich in Momenten des Miß-mutes meine besten Freunde nicht schone und sie sogarauf die verletzendste Weise persifliere und malträtiere.Auch Sie werden bei mir diese liebenswürdige Seite
» 113