Druckschrift 
1 (1906)
Entstehung
Seite
70
Einzelbild herunterladen
 

Den 7. April 18S

Es sind jetzt acht Tage her, daß ich hier im Schreibenunterbrochen wurde und schon des Briefes vergaß; unter-dessen erhielt ich deinen Brief vom t. April (wir schickenuns wechselseitig in den April), und ich will hier nurnoch einiges hinzuschreiben, trotz meinen Schmerzen, dirwie heißes Blei meinen Kopf durchrieseln, und mich zurschneidendsten und feindseligsten Bitterkeit verstimmen.

Es freut mich, daß es Dir in den Armen der aimab-len Hammonia zu behagen beginnt; mir ist diese Schönezuwider. Mich täuscht nicht der goldgestickte Rock, ichweiß, sie trägt ein schmutziges Hemd auf dem gelben Leibe,und mit den schmelzenden Liebesscufzern:Rindfleisch!Banko!" sinkt sie an die Brust des Meistbietenden. Esgibt dort aber zwei Sorten Rindfleisch: rohes und ge-kochtes. Letzteres ist das schlechteste, weil es saft- undkraftlos ist; es ist das aufgeklärte. Vielleicht tue ichaber der guten Stadt Hamburg unrecht; die Stimmung,die mich beherrschte, als ich dort einige Zeit lebte, warnicht dazu geeignet, mich zu einem unbefangenen Be-urteiler zu machen; mein inneres Leben war brüten-des Versinken in den düstern, nur von phantastischenLichtern durchblitzten Schacht der Traumwelt, meinäußeres Leben war toll, wüst, zynisch, abstoßend;mit einem Worte, ich machte es zum schneidenden Gegen-satze meines innern Lebens, damit mich dieses nicht durchsein Übergewicht zerstöre. Ja, smice, es war ein großesGlück für mich, daß ich just aus dem Philosophie-Audi-torium kam, als ich in den Zirkus des Welttreibens trat,mein eigenes Leben philosophisch konstruieren konnte und

70