Druckschrift 
1 (1906)
Entstehung
Seite
12
Einzelbild herunterladen
 

Es war mir recht erfreulich, lieber Fritz, einen Briefvon Dir zu erhalten. Mit Vergnügen habe ich darausersehen, daß Du Dich wohl befindest; aber mit Leidwesensah ich auch, daß Du, der sonst so gern Musen und Busengereimt hat, sich jetzt so ganz und gar vom Busen derMusen losreißen will. Ich habe oben meine wohl-gercimte und ehrlich gemeinte Gesinnungen darüber aus-gesprochen. Ich muß Dich wahrlich mit einer vierzehn-knötigen Sonett-Geißel wieder zur alten Rüstigkeit auf-geißeln. Denn ich habe selbst die Erfahrung gemacht,daß die Musen, wie eitle Weiber überhaupt, jede ab-sichtliche Vernachlässigung gar fühlbar zu rächen wissen.Auch ich Hab mal (schöner Busen halber) die Musenvernachlässigt. Meine Bestrafung hast Du selbst gesehen,nämlich meine poetische Unfruchtbarkeit vom vorigenWinter, die mich insofern ärgerte, da ich mich auf immervon den Musen verlassen wähnte, und nicht einmal einpoetisches Klagelied hierüber zustande bringen konnte.Aber der alte Schlegel, der überhaupt mit denDamen umzugehen versteht, hat die zürnenden Schönenwieder mit mir versöhnt; und da er ihrer vielgenossencnReize satt ist, oder sie vielleicht nicht mehr selber be-springcn kann, so hat er sie mir gütigst zugekuppelt, undallen neun Schwestern habe ich bereits wieder dickeBäuche gemacht.

Uber mein Verhältnis mit Schlegel könnte ich Dirviel Erfreuliches schreiben. Mit meinen Poesien warer sehr zufrieden, und über die Originalität derselben fastfreudig erstaunt. Ich bin zu eitel, um mich hierüberzu wundern. Ich habe mich sehr gedocken gefühlt, alsich neulich von Schlegel förmlich eingeladen wurde,

12