306
Vielleicht erging es Herren Uhlcmd selbernicht besser als uns. Auch seine Stimmung mußsich seitdem etwas verändert haben. Mit grin-gen Ausnahmen hat er seit zwanzig Jahrenkeine neue Gedichte zu Markte gebracht. Ichglaube nicht, daß dieses schöne Dichtergemüthso karglich von der Natur begabt gewesen undnur einen einzigen Frühling in sich trug. Nein,ich erkläre mir das Verstummen Uhlands viel-mehr aus dem Widerspruch, worin die Neigun-gen seiner Muse mit den Ansprüchen seiner poli-tischen Stellung gcrathen sind. Der elegischeDichter, der die katholisch feudalistische Vergan-genheit in so schonen Balladen und Romanzenzu besingen wußte, der Ossian des Mittelalters,wurde seitdem in der würtembergischen Ständc-vcrsammlung, ein eifriger Vertreter der VolkS-rcchte, ein kühner Sprecher für Bürgcrgleichhcitund Gcistcsfrcyheit. Daß diese demokratischeund protestantische Gesinnung bcy ihm ächt und