Predigt am fünften Sonntage nach Trinitatis. 267
den Früchten könne spüren. Er theilet aber solche Früchte in zweyTheile: zum ersten der Wcrcke, so Christen gegen einander sollenüben, zum andern, so sie auch gegen Feinde und Verfolgersollen erzeigen.
Die erste Tugend ist, davon oft die Apostel sagen, als St.Paulus, Rom. 12, 16: Habt einerlei) Sinn unter einander.Item, Ephes. 4, 3: Send fleißig, zu halten die Einigkeit imGeist durch das Band des Friedens. Diese Tugend ist unter denChristen insgemein die sürnehmste und nöthigste; denn wo die an-dern folgen sollen, Liebe, Sanftmuth, Freundlichkeit, da müssenerstlich die Hertzen eines und mit einander verbunden seyn. Dennausscrlich in der Welt und menschlichem Leben kann es nicht ei-nerlei) seyn; da müssen bleiben mancherlei) Unterschied der Perso-nen, Stande und Wercke. Derohalben sollen die Christen hin-widcr desto fleißiger seyn, über diese Tugend zu halten, bcyde, inder Kirchen und weltlichem Regiment, da wohl ist und seyn mußmancherley Ungleichheit, welche doch Gott will vergleichet habendurch die Liebe und Einigkeit des Sinnes, daß ein jeder deß, soihm von Gott gegeben oder zugeordnet ist, zufrieden sey, und wasein andrer hat, ihm auch lasse Wohlgefallen, weil er weiß, daßer eben so reich ist an allen ewigen Gütern, weil er hat denselbi-gen Gott, Christum, Gnade und Seligkeit, und ob er wohl ist>in einem andern Stande, daß er doch vor Gott nichts geringer,und jener darum nichts besser und mehr gilt.
Die andern Stücke, so St. Petrus fordert, sind auch leichtzu verstehen: mitleidig, brüderlich, barmhertzig und freundlich,und lehren fürnehmlich, wie sich die Christen unter einander hal-ten sollen. Denn Gott hat sie alle zugleich unter Liebe geworfen,und also verbunden, daß sie gar ein Hertz und Seele seyn, undsich jeglicher des andern, als sein selbst, annehme. Denn wirsind alle also an einander verbunden, wie in einem Leibe einGlied mit dem andern, wie du an deinem Leibe flehest und füh-lest. Wo ein Glied leidet, spricht St. Paulus, 1. Cor. 12, 23:so leiden alle Glieder mit, und so ein Glied wird herrlich gehal-ten, so freuen sich alle Glieder. Siehe, wie der gantze Leib thut,wenn ihm etwa ein Fuß getreten, oder ein Zehe oder Finger gc-klemmet wird; wie die Augen sauer sehen, die Nase sich rümpffet,das Maul schreyet, und alle Glieder bereit sind, da zu retten undhelfen, und keines das andere verlassen kann: daß es heißt, nicht,einen Fuß oder Finger, sondern den gantzen Menschen getretenund gcklemmet. Wiederum, wo einem Glied wohl geschieht, dasVlll. 17