Druckschrift 
8 (1928)
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222
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222 Predigt am Wngsttage.

Menschen finden, der ohn Sünde und ohn Betrübniß, voll Ge-rechtigkeit und voll Freude sey, und jedermann frey diene. Denndie Schrift erzehlet wohl, was der Heilige Geist thue, nemlich,daß sein Amt sey, von Sünden und Schrecken erlösen; aber da-mit ist es noch nicht gantz ausgerichtet. Darum muß ein Chri-stenmensch etwa im Hertzen fühlen seine Sünde und erschreckenfür dem Tode, daß ihm alles anliege, was einen Sünder anficht.Die Ungläubigen stecken also in ihren Sünden, daß sie ihr nichtachten, aber diese, die Glaubigen, fühlen sie wohl; dagegen ha-ben sie einen Aufhelfer, den Heiligen Geist, der sie tröstet undstarcket, bis so lange, daß er solches gar ausgerichtet habe und einEnde gemacht, so werden sie denn der keines mehr fühlen.Darum sage ich, daß man hier klug seyn muß und darauf sehen,daß man von dem Heiligen Geist nicht so trotze und poche, wieetliche hoffartige, vermessene Schwarmgeister thun, auf daß nichtjemand zu sicher fahre, und sich düncken lasse, daß er allenthal-ben vollkommen sey. Denn ein frommer Christenmensch ist den-noch auch Fleisch und Blut, wie andere Leute, ohn daß er sichmit der Sünde und bösen Lust schlaget, und fühlet, das er nichtgerne fühlet; die andern aber nehmen sichs gar nicht an, undschlagen sich gar nicht damit. Es liegt nichts daran, daß manböse Lüste fühlet, also ferne, daß man nur dawider streite. Da-rum muß ein solcher Mensch nicht richten nach seinem Fühlen,als wäre er darum verloren, sondern sich mit der übrigen Sünde,die er fühlet, arbeiten sein Lebtage, und den Heiligen Geist lassenwirckcn, und ohn Unterlaß seufzen, daß er der Sünde möchte le-dig werden, wie denn solch Seufzen nimmer aufhöret in den Glau-bigen, und gehet tiefer, denn mans aussprechen kann, wie St.Paulus sagt zu den Römern am 8, 26. Es hat aber einen köst-lichen Zuhörer, nemlich den Heiligen Geist selbst; der fühlet dasSehnen wohl, und tröstet auch solche Gewissen mit göttlichemTröste. Also muß es immer gemenget seyn, daß man beydesfühle: den Heiligen Geist, und unsere Sünde und Unvollkommemheit; denn es muß also um uns stehen, wie um einen kranckenMenschen, der unter des Achtes Händen ist, und soll doch nunbesser um ihn werden. Darum soll niemand also gedencken: Die-ser Mensch hat den Heiligen Geist, darum soll er gantz starckseyn, eitel köstliche Wercke thun, und kein Gebrechen haben. Nein,nicht also; denn dazu kann es nicht kommen, weil wir auf Er-den im Fleische leben, daß wir ohn alle Schwachheit und Gebre-chen seyn sollten-, daher auch die heiligen Apostel selbst oft über