2l8 Predigt am Psinzstrage.
Herkommen davon: Da Gott die Kinder Israel aus Egyptenführete, ließ er sie diesclbige Nacht das Osterfest halten, und ge-bot ihnen, daß sie es jahrlich um diesclbige Zeit feyren sollten zueinem Gedächtnis? ihrer Erlösung und Ausgangs von Egypten.Von demselbigen Tage an zogen sie hernach in der Wüsten fünf-zig Tage bis an den Berg Sinai. Daselbst ward ihnen durchMosen das Gesetz von Gott gegeben, und ward ihnen geboten,auch desselbigen Gedächtniß alle Jahre zu halten auf den fünfzig-sten Tag nach dem Ostertage. Daher hat biß Fest seinen Namen,das wir Pfingsten nennen. Denn das Wörtlein Psingsttag kömmtaus dem Griechischen ?enteco5te, das heißt den fünfzigsten Tag,welches unsere Sachsen dem Griechischen etwas naher nennenPfingsten. Darum spricht hier Lucas: Da dieselbigen fünfzigTage nach dem Osterfeste um waren, und sie begangen hatten dieGeschieht, daß Gott dem Volck das Gesetz gegeben hatte auf demBerge Sinai, da kömmt der Heilige Geist, (wie ihnen Christusverheissen hatte,) und gibt ihnen ein ander, neu Gesetz. Alsofeyren wir das Fest, nicht um der alten, sondern um der neuenGeschicht willen, nemlich von wegen der Sendung des HeiligenGeistes. Darum müssen wir ein wenig Unterricht geben undUnterscheid anzeigen zwischen unserm Pfingsten und der JudenPfingsten.
Die Jüden haben das Fest darum gehalten, daß ihnen dasGesetz schriftlich gegeben war, wir aber sollens darum feyren, daßuns Gottes Gesetz geistlich gegeben ist. Das zu verklären, gehö-ret hieher zuvor St. Paulus, der die Unterscheid auch setzet undsaget von zweyerley Predigt in der andern Epistel an die Corin-ther, E. 3. 6. Und wie die Predigt zweyerley ist, so ist auchzweyerley Volck.
Zum ersten, das schriftliche Gesetz ist, das Gott geboten hatund in die Schrift gefasset, und Heisset darum schriftlich, oderBuchstabe, daß es nicht weiter kommt und gehet nichh ins Hertze;es folgen auch die Wercke nicht hernach, denn nur eitel Heuchel-wercke, und ist nur äusserlich gezwungen Ding. Und sintemal esallein in die Schrift und Buchstaben gefasset ist, so ist es allestodt gewest und hat auch getödtet, und dazu ein todt Volck regie-ret ; denn das Hertz ist todt gewesen darum, daß es Gottes Ge-bot nicht von Hertzen gethan hat. Denn wenn man einem jeg-lichen Menschen seinen freyen Willen sollte lassen, daß er thäte,wie er gerne wollte, und vor keiner Strafe sich dürfte fürchten.-würde man keinen finden, der nicht des Gesetzes lieber wollte über-