26 O. M. Luthers Auslegung des Bater Unsers ,c.
Gott in uns regieret, und wir sein Reick sind. Die Freude aberund Lust, und alles andere, das man begehren mag, dürfte mannicht suchen, noch bitten, noch begehren, sondern es wird sich al-les selbst finden und folgen dem Reiche Gottes. Denn, wie einguter Wein mag nicht getrnncken werden, er bringt von ihmselbst mit, ungesucht, seine Lust und Freude, und mag nicht ver-hindert werden, also vielmehr, wenn die Gnaden und Tugenden(das Reich Gottes,) vollkommen werden, so muß ohne unser Zu-thun, natürlich und unverhindert folgen Freude, Friede und Se-ligkeit und alle Lust. Darum, das falsche und eigennützige Augeabzuwenden, heißt uns Christus nicht, die Folge des Reichs, son-dern das Reich Gottes selber bitten und suchen. Jene aber su-chen das Hintersie und letzte zum ersten, und das erste achten sienichts, oder achtens allein um des letzten Willen; darum werdensie ihr keines überkommen. Sie wollen den Vorgang nicht recht,so wird ihnen die Folge auch nicht.
Die dritte Birce.
Dein Wille geschehe, als im Himmel und auf Erden.
Diese Bitte übet auch die zwey Dinge, die in vergangenerBitte gesagt sind, nemlich, sie erniedert und erhebt, macht Sün-der und fromm. Denn die zwey Stücke, ckuckicmm et ckustitiam,Gericht und Gerechtigkeit, wircket das Wort Gottes allzeit, alsgeschrieben stehet, Pf. 106, 3: Selig sind, die da üben das Ge-richte und Gerechtigkeit allezeit. Das Gerichte ist nichts anders,denn daß ein Mensch sich selbst erkenne, richte und verdamme;und das ist wahre Demüthigkeit und sein selbst Erniederung.Die Gerechtigkeit ist nichts anders, denn wenn ein Mensch sichselbst also erkennet, Gnade und Hülfe von Gott bittet und su-chet, durch welche er denn vor Gott erhaben wird.
Diese zwey Stücke wollen wir sehen in diesem Gebet.
Zum ersten richten wir uns selber, und verklagen uns mitunfern eignen Worten, daß wir Gott ungehorsam sind und sei-nen Willen nicht thun. Denn wenn es also um uns stünde,daß wir Gottes Willen thäten, so wäre biß Gebet umsonst.Darum ist es erschrecklich zu hören, wenn wir sagen- Dein Willegeschehe. Denn was mag schrecklicher seyn, denn daß GottesWille nicht geschieht, und man sein Gebot verachtet, das wirklaclich wider uns selbst in diesem Gebet bekennen? Denn esmuß wahr seyn, daß wir Gottes Willen nicht thun oder gethan