22 v. M. Luthers Auslegung des Water UnserS :c.
zu bekennen mit eigenem Munde unser groß, klaglich Elend, er-hebt aber damit, daß es uns zeiget, wie wir uns in solchem Er-niedern heben sollen. Also hat ein jeglich Wort Gottes die Art,daß es erschreckt und tröstet, schlagt und heilet, zubricht und bauet,reistet aus und pslantzct wieder, demüthiget und erhebet.
Zum ersten demüthiget es uns, daß wir bekennen öffentlich,daß Gottes Reich noch nicht kommen sey zu uns, welches, so esmit Ernst bedacht wird und gründlich gebetet, erschrecklich ist, undein jegliches frommes Hertz billig betrüben und fast kümmerlichbewegen soll. Denn daraus folget, daß wir noch Verstössen, imElend und unter grausamen Feinden sind, beraubt des allerlieb-sten Vaterlandes.
Welches denn zween leidige, klagliche Schaden sind- Dererste, daß Gott der Vater beraubet ist seines Reichs in uns, undder ein Herr in allen Dingen ist und seyn soll, allein durch unssolcher seiner Gewalt und Titel verhindert ist, welches nicht we-nig gelangt zu seiner Unehre, als sey er ein Herr ohne Land, undsein allmächtiger Titel gleich zu Spott in uns wird. Das mußohne Zweifel wehe thun allen, die Gott lieben und Gutes gön-nen. Dazu auch schrecklich ist, daß wir die sind, die Gottes Reichringern und hindern, welche, so er wollte gestrengiglich richten,billig möchte als seines Reichs Feinde und Rauber verdam-men.
Der andere Schade ist unser, daß wir im Elend und frem-den Landen unter so grossen Feinden gefangen liegen. Denn soes schrecklich und klaglich wäre, wenn eines zeitlichen FürstenKind, oder ein gantz Land unter dem Türcken gefangen, vielSchmach und Leidens, zuletzt auch den schandlichsten Tod leidenmüßten: wie vielmehr ist das erbärmlich zu klagen, daß wir un-ter den bösen Geistern in diesem Elende sind, und allerley Ge-fährlichkeit Leibes und Seele, zuletzt auch den ewigen Tod alleAugenblicke gewarten müssen, daß einem möchte billig vor seinemeignen Leben mehr, denn vor hundert Toden grauen, so eresrecht ansähe.
Zum andern, wenn solch Bedencken uns erniedert und un-fern Jammer uns eröffnet hat, so folget denn die Tröstung, undlehret uns der freundliche Meister, unser Herr Christus, daß wirsollen bitten und begehren, aus dem Elend zu kommen, und nichtverzweifeln. Denn denselben, die solches bekennen, daß sie Got-tes Reich hindern, und kläglich bitten, daß doch möge kommen,wird Gott um solches ihr Leid und Bitten zu gute halten, das