v. M. Luthers Auslegung des Vater Unsers :c.
mündliche Gebete nicht weiter anzunehmen, denn als eine An-reitzung und Bewegung der Seelen, daß sie dem Sinne und denBegierden nachdencke, die die Worte anzeigen. Also ist in vielenPsalmen die Ueberschrift und Titel victnriam, sei invitatoriiim,das ist, daß dieselben Gebete, ob sie gleich weniger Worte sind,doch Anreitzung und Bewegung sind dem Herhen, etwas Guteszu dencken oder zu begehren. Auch sind etliche Psalmen mit demWörtlein Sela (das ist, Ruhe) unterschieden, und wird wedergelesen, noch gesungen, zu vermahnen, daß, wo ein sonderlichStück sich endiget im Gebet, daß man da still halte und ruhe,die Meynung wohl zu betrachten, und die Worte so lange fahrenlasse.
Zum andern die Worte, und was wir betensollen.
Die Worte sind: Vater unser, der du bist w. Denndieweil diß Gebet von unserm Herrn seinen Ursprung hat, wirdes chne Zweifel das höchste, edelste und beste Gebet seyn. Dennhalte er ein besseres gewußt, der fromme treue Schulmeister, erwürde es uns auch gelebret haben. Das soll man also verstehen,nicht, daß alle andere Gebete böse sind, die diese Worte nicht ha-ben, denn vor Christi Geburt viel Heiligen gebetet haben, diediese Worte nicht gehöret haben, sondern, daß alle andere Ge-bete verdachtig seyn sollen, die nicht dieses Gebetes Inhalt undMeinung zuvor haben, oder begreissen. Denn die Psalmen auchgute Gebete sind, aber nicht so klar dieses Gebets Eigenschaftausdrücken, wiewol gantz in sich beschließen.
Darum ist es ein Jrrthum, daß man etliche andere Gebetediesem Gebete vergleichen, oder auch vorziehen will, sonderlich,die, mit rother Tinten überschrieben, zugeschmückt sind auf dieMeynung allein, baß uns Gott hier Gesundheit und langes Le-ben, Güter und Ehre verleihe, oder auch Ablaß der Pein zu lo-sen und dergleichen, in welchen mebr unser Wille und Ehre, dennGottes Ehre und Wille gesucht wird, der Weise St. Brigittenfunfzehen Gebete, Rvsenkrantz, Coronen, Psalter und dergleichenhaben überhand genommen und mehr, denn das Vater Unser,für sich selbst geachtet sind. Nicht, daß ich sie verwerfe, sonderndaß di Zuversicht auf dieselben mündlichen Gebete zu viel ist, unddadurch das rechte, geistliche, innerliche, wahrhaftige Vater Unserverachtet wird. Denn aller Ablaß, aller Nutzen, aller Gcbene-deyung und alles, was der Mensch bedarf an Leib und Seele