Romancero — Letzte Gedichte.
Hastig längs des Rheines UfernSchreitet sie "hinab die LandstraßeDie nach Holland führt, und hastigFragt sie jeden, der vorbeikommt:
„Habt Ihr nicht gesehn Apollo?Einen roten Mantel trägt er,
Lieblich singt er, spielt die Leier,Und er ist mein holder Abgott."
Keiner will ihr Rede stehen,Mancher dreht ihr stumm den Rücken,Mancher glotzt sie an und lächelt,Mancher seufzet: „Armes Kind!"
Doch des Wegs herangetrotteltKommt ein schlottrig alter Mensch,Fingert in der Luft, wie rechnend,Näselnd singt er vor sich hin.
Einen schlappen Quersack trägt er,Auch ein klein dreieckig Hütchen;Und mit schmunzelnd kleinen ÄugleinHört er an den Spruch der Nonne:
„Habt Ihr nicht gcsehn Apollo?Einen roten Mantel trägt er,
Lieblich singt er, spielt die Leier,Und er ist mein holder Abgott."
Jener aber gab zur Antwort,Während er sein Köpfchen wiegleHin und her, und gar possierlichZupfte an dem spitzen Bärtchen:
„Ob ich ihn gesehen habe?
Ja, ich habe ihn gesehenOft genug zu Amsterdam,
In der deutschen Synagoge.
„Denn er war Vorsänger borten,Und da hieß er Rabbi Faibisch,Was ans hochdeutsch heißt Apollo —Doch mein Abgott ist er nicht.
„Roter Mantel? Auch den rotenMantel kenn' ich. Echter Scharlach,Kostet acht Florin die Elle,
Und ist noch nicht ganz bezahlt.