Vorrede auf die Offenbarung St. Johannis. 107
Christenheit fechten, und sie so gar ohne alle Gestalt unter so vielTrübsalen, Ketzereyen, und andern Gebrechen verborgen seyn: istder Vernunft und Natur unmöglich, die Christenheit zu erkennen,sondern fallt dahin, und ärgert sich an ihr, Heisset das ChristlicheKirche, welches doch der Christlichen Kirche ärgste Feinde sind, undwiederum Heisset das verdammte Ketzer, die doch die rechte Christ-liche Kirche sind, wie bisher unter dem Pabstthum, Mahometh,ja bey allen Ketzern geschehen ist, und verlieren also diesen Arti-ckel: Ich glaube eine heilige Christliche Kirche.
33. Gleichwie auch jetzt etliche Klüglinge thun, weil sieKetzerey, Zwietracht und mancherley Mangel sehen, daß viel fal-scher, viel loser Christen sind, urtheilen sie flugs und frey: Esseyn keine Christen da. Denn sie haben gehöret, daß Christensollen ein heilig, friedfam, einträchtig, freundlich, tugendreich Volckseyn; demnach meynen sie, es solle kein Aergerniß, keine Ketzerey,kein Mangel, sondern eitel Friede und Tugend da seyn.
34. Diese sollten diß Büchlein lesen, und lernen, die Chri-stenheit mit andern Augen, denn mit der Vernunft, ansehen.Denn diß Buch, meyne ich, zeige ja genug greulicher, ungeheurerThiere, scheußliche, feindselige Engel, wüste und schreckliche Pla-gen. Ich will der andern grossen Gebrechen und Mängel ge-schweige» , welche doch allzumal sind in der Christenheit und un-ter den Christen gewest, daß freylich alle Vernunft unter solchemWesen die Christenheit hat müssen verlieren. Wir sehen hier jaklärlich, was grausamer Aergerniß und Mangel vor unsern Zei-ten gewest sind, da man doch meynet, die Christenheit habe ambesten gestanden, daß unsere Zeiten ein gülden Jahr gegen jenewol zu rechnen wäre. Meynest du nicht, die Heyden haben sichauch daran geärgcwt, und die Christen für muthwillige, lose, zan-ckische Leute gehalten?
35. Es ist diß Stücke (ich glaube eine heilige ChristlicheKirche,) eben sowol ein Artickel des Glaubens, als die andern.Darum kann sie keine Vernunft, wenn sie gleich alle Brillenaussetzet, erkennen. Der Teufel kann sie wol zudecken mit Aer-gernissen und Rotten, daß du dich müßtest dran ärgern. Sokann sie Gott auch mit Gebrechen und allerley Mängel verber-gen, daß du mußt darüber zum Narren werden, und ein falschUrtheil über sie fassen. Sie will nicht ersehen, fondern ergläubtseyn; Glaube aber ist von dem, das man nicht siehet, Ebr. 11, 1.
36. Und sie singet mit ihrem Herrn auch das Lied: Seligist, der sich nicht ärgert an mir. Es ist ein Christ auch wol