74 Borrede auf die Epistel St. Pauli an die Römer.
Glauben viel hören und reden können, fallen sie in den Irrthumund sprechen: der Glaube sey nicht gnug, man müsse Werckethun, soll man fromm und selig werden. Das machet, wenn siedas Evangelium hören, so fallen sie daher, und machen ihnen auseigenen Kräften einen Gedancken im Hertzen, der spricht: Ichglaube. Das halten sie denn für einen rechten Glauben. Aber,wie es ein menschlich Gedichte und Gedancken ist, den des Her-tzens Grund nimmer erfähret: also thut er auch nichts, und fol-get keine Besserung hernach.
16. Aber Glaube ist ein göttlich Werck in uns, das unswandelt und neugebieret aus Gott, Joh. 1, 13., und tobtet denalten Adam, machet aus uns gantz andere Menschen von Hertzen,Muth, Sinn und Kräften, und bringet den Heiligen Geist mitsich. O es ist ein lebendig, schäftig, thätig, mächtig Ding umden Glauben: daß unmöglich ist, daß es nicht ohne Unterlaßsollte Gutes wircken. Er fraget auch nicht, ob gute Wercke zuthun sind, sondern, ehe man fraget, hat er sie gethan und ist im-mer im Thun. Wer aber nicht solche Wercke thut, der ist einglaubloser Mensch, tappet und stehet um sich nach dem Glaubenund guten Werckcn, und weiß weder, was Glaube noch guteWercke sind, waschet und schwatzet doch viel Worte vom Glaubenund guten Wercken.
17. Glaube ist eine lebendige, erwegene Zuversicht auf Got-tes Gnade, so gewiß, daß er tausendmal darüber stürbe. Undsolche Zuversicht und Erkenntniß göttlicher Gnade machet fröhlich,trotzig und lustig gegen Gott und alle Creaturen, welches derHeilige Geist thut im Glauben. Daher der Mensch ohne Zwangwillig und lustig wird, jedermann Gutes zu thun, jedermann zudienen, allerley zu leiden, Gott zu Liebe und zu Lob, der ihmsolche Gnade erzeiget hat: also, daß unmöglich ist, Wercke vomGlauben scheiden, ja so unmöglich, als Brennen und Leuchtenvom Feuer mag geschieden werden. Darum siehe dich vor, vordeinen eigenen falschen Gedancken und unnützen Schwätzern,die vom Glauben und guten Wercken klug seyn wollen zu urthei-len, und sind die grossesten Narren. Bitte Gott, daß er denGlauben in dir wircke, sonst bleibest du wol ewiglich ohne Glau-ben, du dichtest und thust, was du willst oder kannst.
18. Gerechtigkeit ist nun ein solcher Glaube, und HeissetGottes Gerechtigkeit, oder die vor Gott gilt, darum, daß sie Gottgibt und rechnet für Gerechtigkeit um Christi willen, unsers Mitt-lers, und machet den Menschen, daß er jedermann gibt, was er