Vorrede auf die Propheten. 55
mächtigsten Kayser und Könige, oder die allerhciligsten und gelehr-testen Leute waren, so die Sonne beschienen hatte; und wiederum,wie gar doch keiner verlassen ist, der auf Gottes Trösten undVerheissungen sich gewaget hat, wenns auch gleich die aller elende-sten und ärmsten Sünder und Bettler waren, so auf Erdenkommen waren, ja, wenns gleich der getödtcte Habcl und derverschlungene Zonas Ware. Denn die Propheten beweisen unsdamit, daß Gott über seinem ersten Gebote halte und wolle eingnadiger Vater seyn den Armen und Glaubigen, und soll ihmkeiner zu geringe, noch zu verachtet seyn, wiederum, ein zornigerRichter über die Gottlosen und Stoltzen, und soll ihm keiner zugroß, zu machtig und zu heilig seyn, er sey der Kayser, Pabst,Türcke und Teufel dazu.
7. Und um dieses Stücks willen sind uns die lieben Pro-pheten zu unserer Zeit nütze und nöthig zu lesen, daß wir mitsolchen Exempeln und Predigten gestarcket und getröstet werdenwider der verdammten Welt unaussprechliche, unzählige und, obGott will, die' allerletzte Aergernisse. Denn wie gar für lauternichts halt doch der Türcke unsern Herrn Jesum Ehrist undsein Reich gegen sich selber und seinem Mahsmet? Wie garverachtet ist auf dieser Seite, bey uns und unter dem Pabstthum,das liebe, arme Evangelium und Gottes Wort gegen dem herrli-chen Schein und Reichthum der menschlichen Gebote und Heilig-keit? Wie gar sicher fahren die Rottengeister, Epicurer und an-dere ihres gleichen mit ihrem eigenen Dünckel wider die heiligeSchrift? Wie gar frech und wilde lebt jedermann nach seinemMuthwillen wider die helle Wahrheit, so jetzt am Tage.- daß esscheinet, als wäre weder Gott, noch Christus etwas, schweige, daßGottes erstes Gebot sollte so strenge seyn.
8. Aber es heißt: Harre doch, harre doch, was gilts, ob unsdie Propheten lügen und betrügen mit ihren Historien und Pre-digten? Es sind wol machtigere und mehr Könige, und wol ärgereBuben zu gründe gangen, diese werden auch nicht entrinnen.Wiederum sind wol dürftigere und elendere Leute gewest, welchendennoch herrlich geholfen ist, wir werden auch nicht verlassen wer-den. Sie sind nicht die ersten, die getrotzt und gepocht haben;st sind wir auch nicht die ersten, so gelitten haben und geplagtgewesen sind. Siehe, also sollen wir die Propheten uns zu nützemachen, so werden sie fruchtbarstes) gelesen.
S. Daß aber mehr Drauens und Strafens drinnen ist, we-der Tröstens und Verheissens, ist gut zu rechnen die Ursache.
X. z