.'2 Vorrede auf den Psalter.
Seelen uns vorlegt, daß wir in den Grund und Quelle ihm >Worte und Wercke, das ist, in ihr Hertz sehen können, was sievor Gedancken gehabt haben, wie sich ihr Hertz gestellet und ge-halten hat in allerlei) Sachen, Gefahr und Noth, welches nichtso thun, noch thun können die Legenden oder Exempel, so alleinvon der Heiligen Werck oder Wunder rühmen. Denn ich kannnicht wissen, wie sein Hertz stehet, ob ich gleich viel trefflicheWercke von einem sehe oder höre.
». Und gleichwie ich gar viel lieber wollte einen Heiligenhören reden, denn seine Wercke sehen: also wollte ich noch viellieber sein Hertz und den Schatz in seiner Seelen sehen, dennseine Worte hören. Das gibt uns aber der Psalter aufs allcr-reichlichste an den Heiligen, daß wir gewiß seyn können, wie ihrHertz gestanden und ihre Worte gelautet haben gegen Gott undjedermann.
9. Denn ein menschlich Hertz ist, wie ein Schiff auf demwilden Meere, welches die Sturmwinde von den vier Oertern derWelt treiben. Hier flösset her Furcht und Sorge vor zukünfti-gem Unfall; dort fahret Gramen her und Traurigkeit von gegen-wartigem Uebel. Hier wehet Hoffnung und Vermessenheit vomzukünftigen Glücke; dort blaset her Sicherheit und Freude in ge-genwartigen Gütern.
10. Solche Sturmwinde aber lehren mit Ernst reden, unddas Hertz öffnen und den Grund herausschütten. Denn wer inFurcht und Noth steckt, redet viel anders vom Unfall, denn derin Freuden schwebet, und redet und singet viel anders von Freu-den, denn der in der Furcht steckt. Es gehet nicht von Hertzen,(spricht man) wenn ein Trauriger lachen und ein Fröhlicherweinen soll, das ist, seines Hertzens Grund stehet nicht offen undist nichts heraus.
I I. Was ist aber das meiste im Psalter, denn solch hertzlichReden in solch allerley Sturmwinden? Wo findet man feinereWorte von Freuden, denn die Lobpsalmen oder Danckpsalmcnhaben? Da siehest du allen Heiligen ins Hertze, wie in schöne lu-stige Garten, ja wie in den Himmel, wie feine, hertzliche, lustigeBlumen darinnen aufgehen von allerley schönen, fröhlichen Ge-dancken gegen Gott und seine Wohlthat. Wiederum, wo findestdu tiefere, klaglichere, jammerlichere Worte von Traurigkeit, denndie Klaqepsalmen haben? Da siehest du abcrmal allen Heiligenins Hertz, wie in den Tod, ja wie in die Hölle. Wie finster unddunckel ists da von allerley betrübtem Anblick des Zorns Gottes.