Druckschrift 
9 (1828)
Entstehung
Seite
249
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Capitel 6. 24S

ja kein Aergerniß gebe. Es sind auch andere, die wider das Ge-setz Gottes sündigen, und die sind auch nicht zu verachten aus ei-nem tollen Eiser, sondern es sollen auf beyden Parteyen seyn zuunterweisen, die andern in den rechten Weg zu lencken und füh-ren; die vorigen, was sie wissen sollen, die aber, was sie thunsollen. Und man muß also gäntzlich auswarten ihren Glaubenund Sitten, daß sie recht in ibncn geformiret werden. Denn dieersten bedürfen der Lehre des Glaubens, die andern eine gute Un-terweisung des Lebens. Also findet die Liebe auf beyden Seiten,was sie zu handeln und zu thun habe; die Liebe aber ist das Ge-setz Christi.

Liebhaben ist aber nichts anders, denn einem andern vonHertzen gönnen, was gut ist, oder auch suchen, was einem an-dern nützlich und förderlich ist. Jetzt, wenn nun gar keiner wäre,der da irrete, strauchelte und fiele, das ist, der des Guten noth-dürftig wäre, wen wolltest du lieben? Wem wolltest du Gutesgönnen? Wem wolltest du Gutes suchen? Die Liebe kann nochmag auch nicht bestehen, wo nicht solche sind, die immerzu strau-cheln und fallen und sündigen. Die fleischliche Art aber, oder dieLiebe der Begierde suchet, daß andere ihr sollen Gutes wünschen,das ist, sie suchet das Ihre, und ihre Materie ist ein gerechter,heiliger, gottlicher Mensch, und will mit den Sündern und Schwa-chen nichts zu schassen haben.

3. So aber sich jemand läßt düncken, er sey etwas, so er dochnichts ist, der betrügt sich selbst.

Ans diesen Worten zeiget er an eine hübsche und kräftigeUrsache beyder Lehren, welche die ist, daß wir alle gleich seyn undgar nichts seyn. Was ists denn, daß sich einer wider den andernaufbläst und besser achtet, und nicht vielmehr einer dem andernhülflich und förderlich ist? So aber etwas in uns ist, das istnicht unser, sondern Gottes Gabe; so es aber eine Gabe Gottesist, so ist mans gantz der Liebe schuldig und verpflicht, das ist,dem Gesetz Ehristi. l. Eor. 4, 6. 7. Ist mans aber der Liebeschuldig, so muß ich jetzt nicht mir, sondern andern dadurch die-nen. Also ist meine Kunst und Wissenschaft nicht mein, sondernder Ungelehrten, welchen ichs schuldig bin mitzutheilen. Also istauch meine Keuschheit nicht mein, sondern derer, so im Fleischsundigen, denen ich muß darinnen dienen, und also mit meinemehrsamen Wandel ihre Schirodigkeit und Schande decken, in dem,daß ich sie entschuldige, ausrede, beschütze, ausnehme vor GottMd den Menschen. Wie er denn auch schreibet, 1. Eor. 12, 23.,