Capitel 5. 245
Denn was ist es doch vor ein Rath und Nutz, daß man desGeistes der Freyheit brauchet wider den Geist und Liebe?
Sie sagen aber: Ey, ist es doch also ziemlich und billig. Jafreylich; aber deine Freyheit sollte hier der brüderlichen Schwach-heit nachgestellet werden, darum, daß es dir unschädlich ist, obgleich deine Freyheit einmal verhindert wird; deinem Bruder aberschadet seine Aergerniß, dadurch er sich an dir anstößt, seinerSchwachheit halben. Es gehöret aber der Liebe zu, daß du wol-lest bedencken das, was einem andern zugehörig ist, und mußtnicht achten, wie viel du dir frey gelassen bist, sondern wie vieldu deinem Nahesten durch die Liebe hülflich und nützlich bist.Denn die Liebe unterwirft dich solcher Dicnstbarkcit, dieweil siedich von der Dienstbarkeit des Gesetzes ledig machet.
26. Lasset uns nicht eiteler Ehre geitzig seyn, untereinanderzu entrüsten und zu hassen.
Da legt er weiter aus, was er gesagt hat: Alsdenn, sprichter, werdet ihr wandeln und hereintreten im Geist rechter Weise,wenn diejenigen, so starck sind, sich nicht aufblasen wider dieSchwachen, und sich nicht selbst berühmen wider sie, in dem, daßsie nicht seyn, wie sie; gleichwie der Pharisäus in seiner eigenenEhre Gott preiset, und den armen Zöllner zu schänden machet.Luc. 18, 11.
Denn so ihr das werdet thun, (will Paulus sprechen,) sowerdet ihr die Schwachen reitzen und üben mit eitler Ehre zuNeid und Haß wider euch, und wird also einer den andern ent-rüsten zu Verachtung, und ihr werdet sie reitzen; so werden sieeuch neidisch seyn, und wird zuletzt also geschehen, daß kein Theilin dem rechten Wege des Geistes wird hereintreten und wandeln.Und wird der Teufel euch treiben auf die rechte Seite, und jeneauf die lincke; euch durch eitele Ehre, jene durch Haß und Neid.Es muß vielmehr eure Stärcke in der Sache derjenigen Schwach-heit tragen und dulden, nach dem Exempel Christi, bis daß sieauch gestarcket werden, sintemal wir uns nicht selbst, sondern un-sern Brüdern und nähesten Christen leben, wenn wir im Geistund der Liebe leben; darum wir thun, was ihnen vonnöthen undnützlich ist.