Druckschrift 
9 (1828)
Entstehung
Seite
233
Einzelbild herunterladen
 

Capitel 5. 233

dern ich verstehe den Geist und das Fleisch für den gantzen Men-schen und zumeist die Seele. Kürtzlich, daß ich deß ein fast gro-bes Gleiumiß gebe: Eben wie ich ein verwundet oder süchtigFleisch, bcvdes Fleisch nenne, das gesund und das süchtig ist, (dennes ist kein Fleisch, das gar züchtig wäre,) welches, als viel es an-hebt, gesund zu werden, und gesund ist, wird es Gesundheit ge-nennet. Wo aber eine Wunde oder Kranckheit vorhanden ist, sowirds eine Wunoe oder Kranckheit geheissen. Und zu gleicherWeise, als eine Wunde oder Kranckheit das andere gesunde Fleischverhindert, daß es nicht vollkömmlich mag vollbringen, das dasgesunde Fleisch wol möchte thun: also ist auch eben der Mensch,und eben dicselbige Seele, und eben ein Geist des Menschen, dar-um, daß er von der Neigung des Fleisches vermischet und verder-bet ist. Als viel er gottlich Ding vernimmt, ist er ein Geist; alsviel er aber von den Lüsten des Fleisches beweget wird, ist erFleisch, und wenn er denn verwilliget, so ist alsdenn gantz undgar Fleisch, wie 1. Mos. 8, 2l. gesagt wird, da Gott spricht:Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschenivillen, denn das Dichten des menschlichen Hertzens ist böse vonder Jugend auf?c. und am 6, 3: Mein Geist wird nicht im-merdar Richter seyn unter den Menschen, dieweil sie Fleisch sind.

Herwiederum, so aber der Mensch gantz und gar sich demGesetze unterwirft und verwilliget, so ist er gar mit einander geist-lich, welches alsdenn geschehen wird, wenn der Leib geistlich wird.So ist nun nicht noth, daß man zween widerwärtige Menschenimaginire und gedcncke, sondern, wie der Morgen dunckel, (Mor-gendämmerung) weder Tag noch Nacht ist, und mag doch beydes, K genannt werden, doch mehr Tag, denn Nacht, zu welchem er sichwendet von den Finsternissen der Nacht.

Aber die beyde Menschen werden hübsch angezeiget in demVerwundten und halb Todten, im Luc. to, 30. 34. 35., welchervon dem Samariter war wohl angenommen worden, daß er ge-heilet würde, er ward doch aber noch nicht vollkömmlich gesundgemacht. Also wir auch werden wol geheilet in der Kirche, wirsind aber noch nicht völlig gesund, und werden des letzten wegenFleisch genannt, des ersten wegen Geist. Es ist der gantze Mensch,der die Keuschheit liebet, und eben derselbige ist es auch, der nochmit bösen Lüsten gekützelt wird und beladen ist. Es sind zweengantze Menschen, und ein gantzer Mensch; also gcschiehets, daßder Mensch mit ihm selber streitet und ihm gleichsam entgegenwird; er will und will nicht. Und das ist eben die Herrlichkeit