94 Leichenpredigt über Luc, 7, 11 — 16.
Meister ist, der unsere Hertzen ändern, und an statt des Leidesund Bekümmcrniß, Trost und Freude machen kann. Derohal-ben wollen wir jetzt die Historie vor uns nehmen von der Witt-wen Sohn zu Nain, welchen der Herr Jesus von den Todtenauferwecket hat, und neben solchem tröstlichen Werck auch Zeug-niß der heiligen Schrift setzen, auf daß wir lernen uns recht trö-sten, nicht allein in dem Fall, da wir liebe, vertraute Freundeverlieren, sondern auch für uns selbst, wenn unser Stündleinkommt, daß wir abscheiden sollen, daß wir ohnfehlbar wissen,weß wir dermaleins werden hoffen und gewarren sollen. Die Hi-storie beschreibet Lucas im 7. Cap. v. 11 — 16, und lautet also-Es begab sich, daß Jesus u, s. w.
Das ist eine sehr tröstliche Historie, in welcher es beydessehr fein und eigentlich abgemahlet und beschrieben ist, erstlich:was wir Menschen mit unsern Todten pflegen zu thun, zum an-dern: was unser lieber Herr Christus wolle thun. Die Erfah-rung giebts, wenn uns eine liebe Person oder Freund mir Todeabgeht, daß wir eben, wie die Wittwe hier, mehr nicht können,denn heulen und weinen. Ursach, wir lassen uns nicht anders,wie sie, düncken, wir haben solchen Menschen verloren, es seymit ihm aus, und müssen nun fortan seiner Gegenwartigkeit undFreundlichkeit beraubt seyn. Das ist unsere Art und Natur, wiewir an uns und andern sehen; bessers können und wissen wirvon uns selbst nicht. Aber was lehret uns erstlich diese Historieund darnach die Schrift und Wort Gottes durchaus? Sind auchsolche Gedancken dieser Wittwe wahr? Item, hat sie deß auchUrsache, daß sie so hertzlich betrübt ist, und sich so hoch beküm-mert, als hätte sie ihren Sohn gar verloren? Denn da kommt un-ser lieber Herr Jesus Christus, der tröstet sie, nicht wie wir un-ter einander in solchem Leid pflegen, und andere mit uns betrübtund traurig machen. Mitleiden hat er mit ihr, aber das Weinengefallt ihm nicht; denn er hatte im Sinn, ihr zu helfen, sprichtderohalben, sie sollte nicht so weinen, gehet hin zum Sarg undspricht: Jüngling, ich sage dir, stehe auf! Alsbald richtet sichder Todte auf und redet, und er giebt ihn seiner Mutter wieder.Da sehen wir je, daß diß Weiblein nicht Ursach gehabt hat, sichso sehr zu bekümmern, und daß ihre Gedancken gantz und garfalsch und irrig seyn gewesen, da sie es dafür hielte, sie hatteihren Sohn gar verloren. Denn ehe der halbe Tag weg ist, lebetihr Sohn wieder, und ist frisch und gesund. Solches ist dazu-mal bey der Stadt Nain vor dem Thore geschehen, und hat es