6
So ist noch heutzutage jeder Mensch eigennützig, ziehtsich selbst vorwärts zu Ehre und Gewalt, Namen, Reich-rhnm und Ruhm; gefällt sich selbst mehr, als er Werthist; hält dafür, die Arbeiten anderer Menschen sollenfür ihn dienen und strebt darnach. Da hilft kein Läug-nen. Prüfe ein jeder Mensch seine eigenen Begierden,so findet er sie so groß, daß Niemand sie zu sättigenvermag. Wo der Mensch in diesen Stücken nichts ver-dirbt, ist es nicht seine, sondern Gottes Kraft. Dar-über wird später folgen; wir reden hier von dem Men-schen und seiner Vernunft, seinem Bestreben und seinerKraft. Diese achten ihrer Natur nach allerwegen aufsich selbst, beziehen Alles zuerst auf sich selbst. Kurz,sie thun nichts Gutes, sondern nur Eigensüchtiges. Alsospricht Paulus, Rom. VII. 18: „Ich weiß, daß in„mir, d. i. in meinem Fleische nichts Gutes wohnet."Lies dieses ganze Kapitel; es wird dir viel Aufklärungüber diese Dinge gewähren. Darum streitet der Willedes Fleisches, d. i. des verdorbenen Menschen, aller-wegen wider Gott. Heißt uns Gott sterben, leiden,dulden, so empfinden wir Alle wohl, wie süß uns dasvorkommt. Das kommt Alles von der Zerrüttung desersten Falles und von der Eigensucht her.
Hier sprichst du: Ich weiß nicht, ob Eigennützigkeitrecht oder unrecht ist. Wie kann ich denn empfinden,daß die Sünde in mir ist? Warum sollte ich nichtzuerst für mich selbst sorgen? Die Natur lehrt es michdoch. Es sorgen die unvernünftigen Thiere auch zuerstfür sich selbst. Antwort: Du redest recht, daß die un-vernünftigen Thiere Alles zuerst an sich ziehen; aber