— 298 —
Diese hochpolitischen heroischen Leidenschaften!Wie die Thcatcrprinzcssinncn gebärden sie sich, undsind Hochroth geschminkt, prachtvoll kostümiert, mitfunkelndem Geschmeide beladen, und wandeln stolzeinher und deklamieren in gemessenen Jamben. . .Wenn aber der Vorhang fällt, zieht die armePrinzessin ihre Werkeltagskleidcr wieder an, wischtsich die Schminke von den Wangen, sie muss denSchmuck dem Gardcrobcmcistcr überliefern, undschlotternd hängt sie sich an den Arm des erstenbesten Stadtgerichtsrcfcrendarii, spricht schlechtesBerliner Deutsch, steigt mit ihm in eine Mansarde,und gähnt und legt sich schnarchend aufs Ohr, undhört nicht mehr die süßen Bethcuerungcn: „Siespielten jettlich, auf Ehre!" . . .
Ich wage es nicht, Shakspeare im mindestenzu tadeln, und nur meine Verwunderung möchteich darüber aussprechen, dass er den Romeo ersteine Leidenschaft für Rosalindc empfinden lässt,ehe er ihn Julien zuführt. Trotzdem, dass er sichder zweiten Liebe ganz hingicbt, nistet doch in seinerSeele eine gewisse Skepsis, die sich in ironischenRedensarten kundgicbt, und nicht selten an Hamleterinnert. Oder ist die zweite Liebe bei dem Mannedie stärkere, eben weil sie alsdann mit klarem Selbst-bewusstscin gepaart ist? Bei dem Weibe giebt es