— 2W -
liebliche Natur mit der Schwüle der Handlung;bleibt es auch Nacht in der Brust des Helden, sogeht doch die Sonne darum nicht minder morgcn-röthlich ans, und Polonius ist ein amüsanter Narr,und es wird ruhig Komödie gespielt, und untergrünen Bäumen sitzt die arme Ophelia, und mitbunten, blühenden Blumen windet sie ihre Kränze.Aber in „Lear" herrschen keine solche Kontraste zwi-schen der Handlung und der Natur, und die ent-zügeltcn Elemente heulen und stürmen um die Wettemit dem wahnsinnigen König. Wirkt ein sittlichesEreignis ganz außerordentlicher Art auch auf diesogenannte leblose Natur? Befindet sich zwischendieser und dem Mcnschcngemüth ein äußerlich sicht-bares Wahlverhältnis? Hat unser Dichter Derglei-chen erkannt und darstellen wollen?
Mit der ersten Sccnc dieser Tragödie werdenwir, wie gesagt, schon in die Mitte der Ereignissegeführt, und wie klar auch der Himmel ist, einscharfes Auge kann das künftige Gewitter schonvoraussehen. Da ist ein Wölkchen im VerständeLear's, welches sich später zur schwärzesten Geistes-nacht verdichten wird. Wer in dieser Weise Allesverschenkt, Der ist schon verrückt. Wie das Gemüthdes Helden, so lernen wir auch den Charakter derTöchter schon in der Expositionsscene kennen, und