III. Pfarrkirche St. Katharina.
Obgleich die Kirche erst im J. 1280 urkundlich erwähntwird '), mufs dieselbe doch älter sein, weil die Erbauung der imJ. 1247 unter besonderer Gunst der Markgrafen gegründeten ,Neustadt sicherlich zur baldigen Errichtung einer Pfarrkirche jiführte. Altarstiftungen werden oft erwähnt, die Ertheilung ei-nes päpstlichen grofsen Ablasses um d. J. 1400 gemeldet und vom jJ. 1467 die baugeschichtlich wichtige Nachricht überliefert, dafsder bischöfliche Vikar sechs Altäre in dem neuerbauten Theile i;der Kirche geweiht habe 2 ). Von einer noch späteren Bauaus- jiführung, welche die Westseite betroffen hat, redet endlich eine Ur- jjkünde des J. 1503 mit den Worten: n yn sunte katerinen yn de nygen j|kerken to deme nygen altare by deme wygeketel (Weihkessel) toder luchter Hand na deme norden belegen “, worin also der west- :liehe, damals noch neue Kapellenbau bezeichnet wird 3 ). Höchstwahrscheinlich ist in diesem Raume die 1475 und 1501 mit ho- iihem Ablafs begabte Kapelle der 1460 gegründeten und 1467 be- j:stätigten Frohnleichnamsgilde zu erkennen. Zur Zeit des Ein- >!tritts der Reformation besafs die Kirche 19 Altäre.
Baubeschreibung.
Der Grundrifs Bl. XLVIII, Fig. 4 zeigt ein dreiscliiffiges Lang- j[haus, in welches der oblonge Glockenthurm hineintritt, den po- j 1lygon (in 7 Seiten des Zwölfecks) geschlossenen Chor und eine jgeräumige Kapellenanlage im Westen. Die verschiedensten Epo- jchen des Mittelalters sind an den einzelnen Bautheilen sichtbar !und haben die jetzige Gestalt der Kirche begründet. j
Aus der Gründungszeit der Kirche (1247—60) stammen der >oblonge, in üblichen romanischen Kunstformen durchgebildete jWestthurm, die Schiffspfeiler (ausschliefslich der östlichen Acht- jeckspfeiler) und die westlichen Umfassungsmauern der Seiten- |schiffe. Die Letzteren sind auf der Nordseite nur ca. 10 F. hocherhalten, lassen aber auf der Südseite noch die alten vermauerten,paarweis geordneten schmalen Spitzbogenfenster erkennen, überwelchen Stromschichten friesartig geordnet sind. Vergl. das Fapa-densystem Bl. L, Fig. 4. Von einem daselbst noch erhaltenen alt-gothischen, mit farbigen Ziegeln geschmückten Portale giebt dasFa^adensystem und das Detail Bl. XLIX, Fig. 2 eine Darstellung.Die abgestuften Pfeiler besitzen alterthümlich einfache, aus Platten j|und Kehlen zusammengesetzte Kämpfer, wie die Granitpfeiler aus !Osterburg. Nach den noch sichtbaren Spuren zu urtheilen war jSt. Katharina ursprünglich eine dreischiffige gewölbte Basilikamit einschiffigem, platt geschlossenem Chore Q, wobei es aberzweifelhaft bleibt, ob zwischen den sehr starken Hauptpfeilern jdes Mittelschiffes schwächere Zwischenpfeiler (wie in St. Mariaund St. Lorenz) vorhanden waren. In jedem Falle bekunden jdiese alten Reste einen weiteren Versuch, unter Festhaltung ro- ;manischer Kunstformen, die gothische Baukunst um 1247 in die jMark einzubürgern und sind deshalb von besonderem Interesse, iLeider sind die alten, von breiten Gurtbogen getragenen Gewölbe !nicht mehr erhalten, sondern im Langhause wie im Thurme zurZeit des Chorbaues in dürftiger Weise erneuert worden, wobei iim Mittelschiffe die ursprüngliche Anlage von Obermauern mitkleinen Spitzbogenfenstern wiederhergestellt, die alte Theilungder Gewölbe aber aufgegeben und drei statt zwei Gewölbejocheeingespannt wurden. i
Aber schon früher, im Anfänge des XV. Jahrh. waren die iLangfapaden auf Süd- und Nordseite in reicher Weise mit je |drei hohen Stufengiebeln ausgestattet worden, von deren kräf-tigen, wirkungsvollen Gliederung und dekorativen Ausbildungmit glasirten Steinen (wobei stets zwei rothe Backsteinschichtenmit zwei hell- und dunkelgrün glasirten Schichten abwechseln),
’) Danneil a. a. O. S. 122.
. 2 ) Danneil a. a. O. Urkunde No. 49.
8 ) Danneil a. a. O. S. 122.
4 ) Die westlichen Chorwandpfeiler, welche den Triumphbogen tragen, enthalten theil-weis die Eckpfeiler des alten Chores. ■
das Fa<;adensystem Bl. L, Fig. 4 und das Detail Bl. XLVIII, Fig. 2eine Darstellung geben '). Unzweifelhaft ist die Herstellung derGiebel mit der Ertheilung des päpstlichen Ablasses vom J. 1400zu verbinden.
In der Mitte des XV. Jahrh. ist sodann der Chor erbautworden, wobei die Seitenschiffe verlängert, ihre Nord- wie Süd-mauern ebenfalls mit hohen Giebeln querschiffsartig ausgestattetund sämmtliche Gewölbe erneuert wurden. Diese in solider Tech-nik und in guten Verhältnissen erfolgte Bauausführung, deren in-nere Gestaltung der Querschnitt Bl. L, Fig. 1 veranschaulicht, hatsich in den wesentlichsten Kunst- wie Strukturformen an die gro-fsen Bauten von Stendal angeschlossen. Man erkennt dies an derGesammtbildung der Fenster, Strebepfeiler und Gewölbe, (vergl.den Querschnitt) wie an der Detailgliederung, wovon Fig. 7 aufBl. L und Fig. 3 und 10 auf Bl. XLIX Darstellungen geben.Besonders charakteristisch für die spätere gothische Bauzeit istdas konsequente Auftreten von menschlichen Köpfen (Masken)an allen Konsolen und Kapitellen der Dienste 2 ). Wie bereitsfrüher hervorgehoben, ist die Anordnung, die Seitenschiffe durchzwei auf einfachen achteckigen Pfeilern ruhende Joche zu ver-längern in der Pfarrkirche zu Seehausen wiederholt worden.Die an der Südseite des Chores belegene zweigeschossige, imoberen Stockwerke nach dem Chore hin geöffnete Kapelle, derenKreuzgewölbe von einem Rundpfeiler (ähnlich dem in dem Re-fektorium zu Stendal) getragen werden, ist unmittelbar nach Voll-endung des Chorbaues hergestellt worden und hat wahrschein-lich der Brüderschaft Unserer Lieben Frauen als Kapelle gedient.
Zuletzt hat das Bedürfnifs für die reiche Frohnleichnams-gilde einen ähnlichen Kapellenraum zu beschaffen, zur Anlageder grofsen Westkapelle geführt, von deren inneren Gestaltungdie Fig. 2 und 3 auf Bl. XLVIII eine Vorstellung geben. Diesegrofsräumige Kapelle zeigt das in St. Katharina zu Brandenburgzuerst aufgestellte Struktursystem der nach innen gelegten Stre-bepfeiler, zwischen denen ein oberer Umgang hergestellt wor-den ist, so dafs eine fünfschiffige Anlage entsteht. Hochbusigeauf Rippen ruhende Kreuz- und Sterngewölbe, deren Dienste anden stützenden Rundpfeilern erst in gröfserer Höhe auf Konso-len hervortreten, bedecken diesen Raum, der von zwei Reihenzwei- und dreitheiliger Fenster beleuchtet wird. Bemerkenswerthist die für nothwendig erachtete seitliche Verankerung der Rund-pfeiler mit hölzernen Spannbalken. Trotz der guten Gestaltungdes Innern 3 ) wird die späte Bauzeit (1490—1500) an den ein-zelnen Details (vergl. das Gurtbogenprofil Bl. XLIV, Fig. 8) sowie an der nüchternen kasernenartigen Fa<?adenbildung sogleicherkannt.
Kunstwerke.
Das bronzene Taufbecken wird von vier plattgegossenenweiblichen Figuren, (alle als St. Katharina charakterisirt) die aufLöwen stehen, getragen, während am Becken die zwölf Apostel un-ter rundbogigen Arkaden geordnet sind. Die Inschrift lautet: AnnoDomini MCCCCXXI per me Ludomcum Gropengheter, wohnhaßigin Brunswick. — Der prachtvolle geschnitzte Flügelaltar enthältScenen aus dem Leben Jesu in schöner lebensvoller Auffassung.
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Der gröfste Schmuck der Kirche besteht in den durch seltensteFarbenpracht ausgezeichneten Glasmalereien, welche die ähnlichenKunstwerke zu Werben zwar in der Zeichnung nicht völlig er-reichen, in der Färbung aber bei weitem übertreffen.
Resultat.
Die Bauepochen der Kirche ordnen sich folgendermafsen:1) 1247—68 Thurm, Schiffspfeiler und Theile der Umfas-sungsmauern,
') Vergl. auch die schüne Perspektive in Strack a. a. O. Bl. 13.
2 ) Die völlige Gleichheit dieser Maskenkapitelle mit denen von St. Lorenz läfst aufeine gleiche Bauzeit der jetzigen Gewölbe in der letztgenannten Kirche mit Sicherheitschliefsen, zumal auch die Seitenschiffe von St. Maria dieselbe Ausstattung besitzen.
3 ) Vergl. die treffl. Perspektive des Innern bei Strack a. a. O. Bl. 4. AehnlichoBildungen aus gleicher Bauzeit zeigen die Kapelle der Moritzburg in Halle (1484), sowieeinzelne Räume des Schlosses zu Meilsen.