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1 (1862) Die Mark Brandenburg : Stadt Brandenburg, die Altmark
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ausführen liefs. Es war dies eine Doppelkapelle, deren obere(die eigentliche Ordenskapelle der Schwanenrittergesellschaft) vonder Wallfahrtskirche aus durch eine breite Treppe wie ein hoherChor zugänglich war. In die untere dem heiligen Leonhard ge-weihte Kapelle führten zwei Wendeltreppen hinab, welche nachoben auch die umlaufenden Emporen mit der Schwanenordens-kapelle verbanden, wie dies Bl. II. Fig. 4. durch die schraffirten,tiefer liegenden Theile deutlich macht. Dieser spätgothische Bauvon 1440 war mit möglichster Schonung des alten Baues dem-selben in geschickter Weise so angefügt worden, dafs er selbsteine kleine Kreuzkirche darstellte. Reichgeschmückte Strebe-pfeiler, deren Gliederung an gothische Backstein-Bauten derzweiten Epoche, nach 1350, namentlich an die Pfeiler der St.Katharinen-Kirche erinnert, umgaben den gewölbten Kapellenbau,den spitzbogige Fenster, besonders ein breites derselben in derwestlichen Chorwand erleuchteten. Von den daneben um 1435aufgeführten Klostergebäuden, wie von der Ringmauer mit ihrenThoren und Stationen, welche den ganzen Berggipfel umgab,giebt Bl. I. Fig. 1. nach dem Oelgemälde von St. Godehard eineannähernde Vorstellung.

Ueber die sonstigen Constructionen, deren Details, der übri-gen Ausstattung dieses so interessanten Bauwerks kann leidernichts mitgetheilt werden, da die mir zugänglich gewesenenQuellen darüber schweigen. Wohl aber rühmen die Zeitgenossen,die den Bau noch erhalten sahen, und unter denen Leuthinger,Sabinus und Garcaeus obenan stehen, den wunderbaren Eindruck,den die an Glasgemälden, Altären, Geschlechtstafeln und Wappen-schildern der adligen Geschlechter von Franken, Sachsen, MarkBrandenburg und Pommern fast überreiche Kirche machte *).Den baulichen Zusammenhang der verschiedenen Theile cler Ma-rienkirche beschreibt Garcaeus a. a. 0. in einer Note S. 347 sehrdeutlich, wenn er sagt:

Quorum illud, quod occasum respicit, sacellum subterraneumhabet S. Leonhardo sacrum, in quo nobiles a Waldenfels sepulchrahabuerunt. Ex hoc per anguslos gradns lapideos turribus occi-dentalibus inclusos, non modo in templum -ipsum B. lirginis, sedetiam altius in medium templi, vtrinque scanditur ubi sunt abutroque latere stratae semitae mediocres modo latae, ubi altariasunt, modo angustae, per quas recta itur ad turres orientales inhemicyclum orientis et rursus per similes gradus lapideos, quosturres orientales aequales prioribus, interius conlinent, descenditurin templum B. Yirginis.

Von der gesammten kirchlichen Ausstattung ist 1) die grofseGlocke vom Jahr 1445, welche Kurfürst Joachim II. 1591 fort-nehmen liefs im Dome zu Berlin noch vorhanden; 2) das vomPropst zu Brandenburg an den hohen Festtagen des Schwanen-ordens getragene prachtvolle Mefsgewand in der Schatzkammerdes Domes daselbst noch befindlich 1 ). Mit Ausnahme einigerReliquien, welche wahrscheinlich den Wallfahrern auf der St.Marien-Kirche gezeigt wurden und welche die Schatzkammergleichfalls aufbewahrt, könnte auch der daselbst befindliche beider Restauration erneuerte grofse mit Wappenschildern ge-schmückte Kronenleuchter von der St. Marien-Kirche stammen.Alles Uebrige ist unwiederbringlich verloren.

Resultat.

Die St. Marien-Kirche zeigt die wohlerhaltene einheitlicheAnlage einer frühmittelalterlichen gewölbten Wallfahrtskirche,wie sie mit ähnlicher Treppen- und Emporeneinrichtung nochder Dom St. Georg zu Limburg a. L. bewahrt hat **). Nur die-sem Hauptzwecke, an gewissen Tagen eine grofse Menge vonMenschen, schauend und hörend aufnehmen zu können, verdankt

*) Vcrgl. besonders Sabinus in Garcaeus: Successiones familiarum etc. Ed. Krause1729. III. Buch. 347 mit Noten des Garcaeus. Desgl. Leuthinger. Ed. Krause. Lib.XVII. 599. .

) v. Stillfried, a. a. O. 46.

**) Die gröfste Aehnlichkeit im Grundrifs mit der St. Marien-Kirche zeigt die Haupt-kirche des Klosters Etschmiadzin auf dem Ararat. Agincourt. T. T. XXVII. und FörstersBauzeitung 1857, doch würde für St. Marien auf die kunsthistorische Entwicklung vonTournay, Noyon, Limburg mehr Gewicht zu legen sein.

| sie ihre, bauliche Gestaltung, wenn es auch möglich ist, dafs derTypus der von Pribislav erbauten Gruftkirche in der centralenKreuzanlage traditionell erhalten ist. Unter Bezugnahme aufdiese Rücksicht erscheinen die-vielen Treppen, von denen zwei vonder Geistlichkeit, zwei von den Ordensmitgliedern ausschliefslichbenutzt wurden, ferner die Emporen nebst den Altären ebensomotivirt, wie die vier Thürme zur Aufnahme des zahlreichenGeläutes einer Wallfahrtskirche. Ebenso verständlich würde dieSchwanenordenskapelle sein, wenn wir über die eigentliche Fest-feierin derselben besser unterrichtet wären. Die Unterkapelle (St.Leonhard geweiht) diente vielleicht zur Feier der Trauergottes-dieriste, wahrscheinlicher aber zur Ruhestätte derjenigen Ordens-mitglieder, welche dies besonders wünschten, und von denen uns-j die v. Waldenfels als dort begraben urkundlich genannt werden.Die durchaus einfache, aber harmonische Lösung von Seiten derArchitektur bei einem sehr bescheidenen Maafsstabe steigern zwarden Werth des Bauwerks, machen aber seinen Verlust um sofühlbarer.

Auch für die Baugeschichte Brandenburgs würde grade St.Marien auf dem Harlunger Berge die einzige bedeutende Lückeausfüllen, welche jetzt durch kein Bauwerk vertreten ist. Esj ist dies die Zeit von 1240 bis 1290. Aus der oben entwickel-i ten architektonischen Charakteristik und- aus historischen Grün-j! den, welche sich auf die specielle. Geschichte des branden-I burgischen Domkapitels und des magdeburgischen Erzstiftes| stützen, mufs der Haupttheil von St. Marien, d. h. die überwölbtei Wallfahrtskirche von 1220 bis 1250, d. h. 100 Jahr nach derersten Stiftung und Weihung von neuem erbaut sein. Wiederj 200 Jahre später ist dann urkundlich der kleinere Westtheil, diei Schwanenordenskapelle, auf 1440 zu stellen.

|i II. Kirche St. Nicolaus vor der Altstadt Brandenburg.

j Historisches.

j Diese Kirche wird urkundlich zuerst 1173 als bestehend

erwähnt, in welchem Jahre Bischof Siegfried dieselbe den Prä-|! monstratenser Stiftsherren auf der Burg zu Brandenburg zurj! geistlichen Besorgung überweist '). Sie war damals die Pfarr-: kirche des Dorfes Luckeberg und auf bischöfliche Veranlassung,

wahrscheinlich des Amtsvorgängers Wilmar um 1170. erbaut. DasDorf Luckeberg wird 1249 vom Markgrafen Johann I. der Alt-stadt geschenkt 2 ) und nach 1295 mit derselben, allmählig ver-schmolzen 3 ). Die eintretende isolirte Lage der Kirche, sowieauch die Fehdelust späterer Zeiten, z. B. die Quitzowscheni Händel, welche 1403 dieselbe berührten, scheinen zu ihremVerfall beigetragen zu haben. In der Mitte des XV. Jahrhun-! derts war der darin befindliche Altar des heiligen Nicolausver-wüstet und vernichtigt, so dafs sich ein wohlhabender Einwoh-ner der Altstadt 1467 veranlafst fand, denselben zu erneuerni und so zu dotiren, dafs ein Priester bestellt werden konnte, derdreimal wöchentlich daselbst Messe lesen sollte 4 ). Dieser Be-i Stimmung wurde sie durch die Reformation entzogen und nach-mals als Kirche des altstädtischen Gottesackers bei Leichenpre-I; digten benutzt, welchem Zwecke sie noch jetzt dient.

|j Aus der Urkunde von 1541 erfahren wir die Namen derI Heiligen, welchen die Altäre gewidmet waren, nämlich St. Ni-| colaus, St. Gertrud und St. Barbara.

; . Baubeschreibung.

Die Kirche liegt im Südwesten der Altstadt auf einer kleinenErhöhung und ist in Form einer dreischiffigen Basilika aus Back-; steinen gebaut. Die östlichen Theile der drei Schiffe sind über-| wölbt und'mit einer Haupt- und zwei Nebenabsiden geschlossen.

' Ein Querhaus ist nicht vorhanden oder wenigstens äufserlich nicht} characterisirt; dagegen tritt das Mittelschiff in chorartiger Bildungbeträchtlich über die Absiden der Seitenschiffe hiriaus. Der auf

') Gerken, Stiftshistorie 363. Riedel a. a. O., VIII. 109 bis 112, 112.

2 ) Buchholtz, Geschichte d. Kurm. Brandenb. IV. 250.

3 ) Gercken, Fragm. March. III, 7.

4 ) Riedel a. a. O., IX. 199 fg.