Druckschrift 
2,1 (1844)
Entstehung
Seite
51
Einzelbild herunterladen
 

51

war und wie er genommen werden mußte. *) Sie besaßeine merkwürdige Gabe für die schnelle und richtige Auffas-sung fremder Eigenthümlichkeit, so daß Sic Jeden bald ver-stand, und darum auch immer verstanden wurde. Eine köst-liche Gabe für Alle, die in der Welt leben, und in wechseln-den Verhältnissen mit verschiedenartigen Menschen umgehen

Das weibliche Geschlecht hat überhaupt schon mehr natürlicheAnlage für Menschenkenntnis!, als das männliche, es ist, als obes dafür feiner und reiner besaitet wäre in richtiger Auffassungund treffender Bcurtheilung. Den geistreichsten, erfahrenen,schnell und ticfschcndcn Mann übertrifft, namentlich in sittlicherWürdigung, eine gebildete, gemüthliche, fromme, tactfcste Frau.Wenn Jener urtheilt und schließt und das Wahrgenommene rc-censirt, so dringt der physiognomischc Blick von Dieser tiefer,und fühlt heraus Quellen und Motive. Jener sammelt Beob-achtungen, stellt sie zusammen und ziehet daraus Resultate; Diesercflectirt und fasset den Reflex des aufgenommenen Bildes inseiner Ganzheit auf. Jener kritisirt, Diese wägt und erblicktGewicht und Ucbcrgewicht im Zünglein der Wage. Für alleSympathien und Antipathien hat das weibliche Geschlecht einfeineres Organ, als das männliche, wenngleich von diesem imWissen übertreffen. Ihre Sensibilität ist lebendiger und viel-seitiger, und darum bildet sich in ihnen ein Scnsorium aus,das bei den Männern seinen Sitz hat im Verstände undbei den Frauen im Herzen. Hier liegt der Mittelpunktihres Lebens, wo alle Eindrücke und Empfindungen zusammen-treffen; hier liegt still und verborgen, aber'belebend und drin-gend, die magnetische Kraft, welche die Seele ihres Lebens ist.Darum wird bei ihnen Alles sensual, und was bei den Män-nern Intelligenz ist, wird bei ihnen habitueller Sinn, auswelchem sich ihre Sinnigkeit und ihr Zartsinn wie aus derBlüthc die Frucht entwickelt. Wie das poetische und musika-lische Talent ein angeborenes ist, so fühlt jede geistvolle undgemüthliche Frau den Anhauch und Duft der sie umschließen-den Lcbcnsatmosphäre, und vernimmt und unterscheidet schnellund richtig jede sie berührende Harmonie und Disharmonie.

4"