Druckschrift 
2,1 (1844)
Entstehung
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Unbefangenheit, ein köstliches, oft gebrauchtes, aberin seiner tiefen Bedeutung selten verstandenes und erwoge-nes Wort; eins von denen, an welchen unsere herrliche Deut-sche Sprache so reich ist, das den Sinn, Begriff und In-halt, welchen es in sich trägt, gleichsam malend und anschau-lich hinstellt; ein goldener Apfel in silberner Schale!

Unbefangenheit bezeichnet einen frei erb Zustanddes Gcmüthes, den nichts lähmt und gefangen hält, inwelchem jede Kraft sich klar und leicht bewegt; sie ist fürdie Seele das, was die Gesundheit für den Körper ist, denman nicht fühlt, wenn er sich wohl befindet; also ein Gleich-gewicht der Kräfte und in diesem Gleichgewichte heitereRuhe in frischer Lebcnsansicht.

Das Gcgcntheil davon ist Befangenheit; sie sprichtaus, was sie ist, ein Zustand innerer Fesselung und Been-gung. Diese Zwang und Abgemcfscnhcit mit sich führendeBeengung entspringt bald, höheren Intelligenzen gegenüber,aus dem Mangel an Ausbildung, worin sie sich überflügeltfindet; bald hat sie ihren Grund in dem Bestreben, solcheMängel und Schwächen zu verstecken, und schlägt um inVerstellung, die mehr scheinen will, als sie ist und sein kann.Die bunten Lappen, mit denen sie ihre Blöße bedeckt, sindbald schönrcdnerischc, leere, hohltönende Wortmacherei, baldpretiöse Kürze, die ein vornehmes Gesicht aufsetzt und geheim-nißvoll thut. Glücklicher und geübter, als Männer, sindFrauen, namentlich aus den höheren und höchsten Ständen,die innere Beengung der Befangenheit gewandt zu verber-gen, und sich in Wendungen und Windungen zu bewegen,in welchen sich der Faden verliert, oder schnell abgeschnittenwird. Immer ist es aber der fein zugespitzten und gcschmink-