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12 (1898) Vermischte Schriften
Entstehung
Seite
155
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Gedanken und Einfälle, 1Ak>

Geistes, der sie betrachtet, Der Gute findet hier sein Paradies, derSchlechte genießt schon hier seine Hölle,

Unsere Moralbegriffe schweben keineswegs in der Luft: die Ver-edlung des Menschen, Recht und Unsterblichkeit haben Realität in derRatnr, Was wir Heiliges denken, hat Realität, ist kein Hirngespinst,

Heilige wie der Stylit sind jetzt unmöglich, da die Philanthropiesie gleich in einer Irrenanstalt unterbringen wurde,

Giebt's in der Geschichte auch Tag und Nacht wie in der Natur?— Mit dem dritten Jahrhundert des Christentums beginnt dieDämmernng, wehmütiges Abendrot der Ncoplatoniker, das Mittel-alter war dicke Nacht, jetzt steigt'das Morgenlicht herauf — ich grüßedich, Phöbus Apollo! Welche Träume in jener Nacht, welche Ge-spenster, welche Nachtwandler, welcher Straßeiilärm, Mord und Totschlag — ich werde davon erzählen.

Ich sehe die Wunder der Vergangenheit klar. Ein Schleier liegtauf der Zukunft, aber ein roscnfarbiger, und hindurch schimmerngoldene Säulen und Geschmeide und klingt es süß.

III. Kunst und ^itteratur.

Ein Buch will seine Zeit, wie ein Kind, Alle schnell in wenigenWochen geschriebene Bücher erregen bei mir ein gewisses Vorurteilgegen den Verfasser, eine honette Frau bringt ihr Kind nicht vor demneunten Monat zur Welt,

Dem Dichter wird während des Dichtens zu Mute, als habe er,nach der SeelenwandernngSlehre der Pythagoreer, in den verschiedenste»Gestalten ein Vorleben geführt — seine Intuition ist wie Erinnerung,

Eine Philosophie der Geschichte war im Altertum unmöglich,Erst die Jetztzeit hat Materialien dazu: Herder, Bvssuet ?c, — Ichglaube, die Philosophen müssen noch tausend Jahre warten, ehe sieden Organismus der Geschichte nachweisen können; bis dahin glaubeich, nur folgendes ist anzunehmen. Für Hauptsache halte ich: diemenschliche Natur und die Verhältnisse (Boden, Klima, überlieferteGesetzgebung, Krieg, unvorhergesehene und unberechenbare Bedürfnisse),beide in ihrem Konflikt oder in ihrer Allianz geben den Fond derGeschichte, sie finden aber immer ihre Signatur im Geiste, und dieIdee, von welcher sie sich repräsentieren lassen, wirkt wieder als